„Eastern Boys“: hochklassiges französisches Genrekino

Eastern Boys ist ein bemerkenswerter Film des Franzosen Robin Campillo, der im Herbst 2013 auf den renommierten Festivals in Venedig und Toronto für Furore sorgte, in Deutschland aber keinen Kinoverleih fand und nur auf DVD zu haben ist.

Mit langen Einstellungen und minutenlang ohne Dialoge taucht der Film ins Bahnhofsviertel rund um die Pariser Gare du Nord ein. Daniel, ein alleinstehender, beruflich offensichtlich gut situierter Mittfünfziger (Olivier Rabourdin), spricht einen osteuropäischen Stricher an und bietet ihm 50 € für ein Sexdate, das am nächsten Tag in seinem schicken Penthouse stattfinden soll. Er ist wie paralysiert, als plötzlich die gesamte Gang auftaucht, eine wilde Party startet und alle Wertsachen vom Flachbild-Fernseher bis zur Designerlampe in ihren Kleinlaster packen. Die Machtspiele der ersten beiden Kapitel dieses Films erinnern an Michael Hanekes Psychothriller Funny Games (1998) und sind ähnlich stimmig komponiert.

In den beiden anderen Kapiteln wandelt sich das Psychodrama: kammerspielartig richtet sich der Fokus zunächst ganz auf das Verhältnis zwischen Daniel und dem Stricher Marek alias Rouslan (Kirill Ermelyanov), die sich in einer Art Flatrate-Deal zum regelmäßigen Sex verabreden, wobei Daniel nach und nach väterlich-fürsorgliche Gefühle für Marek entwickelt. Der Film mündet in eine interessante Sozialstudie, als er für das Finale vom Penthouse in ein Vorstadt-Hotel wechselt, wo ein russischer Bodybuilder, den alle nur „Boss“ (Daniil Vorobyov) nennen, seine Gang aus lauter illegalen Flüchtlingen ohne Papiere mit brutaler Hand führt, bis es zu einem packenden Showdown kommt.

Der Film überzeugt durch die guten Leistungen der meist noch unbekannten Hauptdarsteller und die gelungene Balance zwischen seinen sehr unterschiedlichen Genres und Ebenen. Man darf auf den nächsten Film von Robin Campillo gespannt sein, der es dann hoffentlich ins Kino schafft.

Eastern Boys wird am 26.8.2014 bei der Edition Salzgeber auf DVD erscheinen.

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Über Konrad Kögler

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