Raucherpause für König Ödipus: Münchner Residenztheater lässt Sophokles auf Mad Men treffen

Die antike Tragödie “König Ödipus” hat auch mehr als zweitausend Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Wucht verloren. Im Münchner Residenztheater wird es ganz still, als Thomas Lettow in seiner ersten Hauptrolle am Haus den Fluch der Atriden noch einmal durchleidet.

Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik bot eine sehr konzentrierte Inszenierung, die zurecht auf die Kraft ihrer Vorlage vertraut. Schon während der nur knapp 80 Minuten war zu spüren, wie sehr die Tragödie auch ein zeitgenössisches Publikum packt. Auch auf dem Weg aus dem Theater diskutierten viele Besucher intensiv über den Stoff.

Eine Schwachstelle des Abends ist jedoch der halbherzige Versuch, die Handlung zu aktualisieren. Raimund Orfeo Voigt baute das Foyer eines Konferenzraums im funktionalen, unästhetischen Zeitgeist der Nachkriegsjahrzehnte nach. Hinter einer Glaswand treffen sich Schauspieler und Chor zur Raucherpause. Bis auf den Seher Teireisas (für Hans-Michael Rehberg ist Manfred Zapatka eingesprungen) und Iokaste (Sophie von Kessel) tragen alle Anzüge von der Stange. Auch die Inneneinrichtung, die überhaupt nichts vom Glanz eines Königshauses spüren lässt, und das permanente Qualmen tun ihr Übriges, so dass man sich an die Serie “Mad Men” erinnert fühlt.

Leider wird zu keinem Moment klar, warum sich die Regisseurin entschieden hat, die antiken Figuren in die hässlichen Anzüge zu stecken und die Handlung in ein Tagungs-Foyer zu verlegen. Immer wieder laufen dienstbare Geister über die Bühne, die den Aschenbecher leeren oder Toilettenpapier austauschen. Aus diesem Regie-Einfall folgt jedoch nichts. Er wirkt nur beliebig.

Dass der Abend dennoch nicht scheitert, liegt an der beschriebenen Kraft der Vorlage, die auch diese “Ödipus”-Inszenierung trägt. Er reicht jedoch nicht an gelungenere Sophokles-Bearbeitungen wie z.B. Stefan Kimmigs “Ödipus Stadt” (2012), das morgen zum letzten Mal auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Berlin steht.

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Über Konrad Kögler

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