Im Totenreich: Musiktheater-Bearbeitung von Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen

Mit marthaleresker Langsamkeit tastet sich Anna-Sophie Mahler an Josef Bierbichlers autobiographisch geprägten Roman “Mittelreich” heran. Die Arbeit als Christoph Marthalers Regieassistentin hat prägende Spuren hinterlassen. Vor allem in der ersten Hälfte ist der Abend aber so zäh, dass einige Plätze nach der Pause leer bleiben.

Drei Generationen der Seewirtsfamilie in einem bayerischen Dorf arbeiten sich an ihren Konflikten ab: Es wird viel geschwiegen und noch mehr verdrängt. “Ein deutsches Requiem” von Brahms erklingt, während die sechs Schauspieler auf ihren Holzstühlen in der Mitte der kargen Bühne Platz nehmen.

Vor allem zu Beginn ist “Mittelreich” mehr Musik- als Sprechtheater. Sicher könnte man Bierbichlers Geschichte bauch auf diese Art packend erzählen. Der Abend bleibt aber zu statisch, die Figuren verharren im Totenreich. Die Regisseurin erklärte im Programmheft-Interview: “Aus seiner Gegenwart heraus sucht er mit Hilfe der Erinnerung nun verzweifelt nach Antworten, um die Toten, seine Familie zu befragen – Antworten, die er in der Realität nicht bekommen hat.” Dieses seelische Drama konnte diese Inszenierung aber nicht ausreichend vermitteln.

Stärker wird der Abend erst, als er sich aus dem Kaiserreich in den Mief der restaurativen 1950er Jahre vorgearbeitet hat. Annette Paulmann spielt die engstirnige Theres, die über die Flüchtlinge herzieht: was wollen die denn hier?! Sie passen doch gar nicht hierher! Schnell landet sie bei antisemitischen Tönen. Der zweite bemerkenswerte Moment ist das Schaudern von Steven Scharf, als er in der Rolle des Semi berichtet, wie er im katholischen Internat von einem Mönch missbraucht wurde. Zitternd und angeekelt erinnert er sich an das Verbrechen.

Da der Abend zu wenige intensive Momente hat, kommt er nicht über eine solide Romanadaption mit musikalischer Untermalung hinaus. Die Entscheidung der Theatertreffen-Jury, “Mittelreich” als eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen dieser Saison nach Berlin einzuladen, ist deshalb für mich nicht nachvollziehbar.

Das Organisationsteam des tt 2016 steht nun vor der Herausforderung, eine geeignete Spielstätte zu finden: Einer der gelungenen Aspekte dieses Abends im Schauspielhaus der Kammerspiele an der Münchner Maximilianstraße, das seit der Ära Lilienthal als “Kammer 1” firmiert, ist der Auftritt des Jungen Vokalensembles München unter Leitung von Julia Selina Blank. Sie postieren sich hinter den Zuschauern auf dem Balkon und erzielen so eine optimale akustische Wirkung, die z.B. im Haus der Berliner Festspiele nicht zu erreichen wäre.

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Über Konrad Kögler

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