Berlinale-Bilanz 2016: Enttäuschungen im Wettbewerb, Goldener Bär für „Fuocoammare“ als politisches Statement, starkes Kino aus Chile

Die Berlinale 2016 begann enttäuschend und konnte sich in der zweiten Hälfte nur wenig steigern.

Bilanz des Wettbewerbs um den Goldenen und die Silbernen Bären

Die Dokumentation „Fuocoammare“ über die Not der Flüchtlinge vor Lampedusa wurde seit Tagen als Favorit auf den Goldenen Bären gehandelt.

Die Entscheidung der Jury passt tatsächlich sehr gut zum Selbstverständnis der Berlinale, die sich als das Politischste unter den drei großen Film-Festivals (neben Berlin sind dies Cannes und Venedig) positioniert. Die Schwächen des Films sind jedoch nicht zu übersehen. Wie bereits berichtet, schaffte es Francesco Rosi nicht, sein Material zu verdichten. Die knapp zwei Stunden wirken redundant. Aus den starken Szenen hätte ein überzeugender Film werden können, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und um die Hälfte gekürzt hätte.

Aus ästhetischer Sicht drängt sich „Fuocoammare“ nicht für den Goldenen Bären auf. Deshalb schließe ich mich der Vermutung an, dass es der Jury mit dieser Auszeichnung vor allem um ein politisches Statement ging: ein Goldener Bär für alle, die sich in den vergangenen Monaten so stark für Flüchtlinge engagieren wie der Arzt, der in diesem Film kurz zu Wort kommt.

Der Goldene Bär für „Fuocoammare“ ist aber auch deshalb vertretbar, weil es im Festival-Jahrgang 2016 unter den Wettbewerbs-Filmen, die ich sehen konnte, keinen gab, der mich ohne Abstriche überzeugt hat.

Gute Ansätze bot immerhin der tunesische Film „Hedi“ über einen jungen Mann, der Schritt für Schritt lernt, sich von seiner dominanten Mutter zu lösen. Sie bestimmt über sein ganzes Leben, vermittelt ihm einen Job und arrangiert für ihn eine Ehe. Auch sonst sagt Hedi zunächst zu allem Ja und Amen, bevor er lernt, seinen eigenen Weg zu gehen.

„Hedi“ ist ein Film, der keine Überraschungen bietet, sondern seine wie am Reißbrett entwickelte Geschichte Punkt für Punkt abhakt. Aus politischer Sicht ist der Film unter zwei Aspekten bemerkenswert: der Tourismus als zentraler Wirtschaftsfaktor Tunesiens und die Einbußen nach den islamistischen Anschlägen werden in einigen Szenen im Hintergrund verhandelt. Außerdem lässt sich der Film über einen Mann, der aus seiner Erstarrung ausbricht, als Parabel auf die „Arabellion“ im Frühling 2011 lesen, die in einem Gespräch der beiden Hauptfiguren erwähnt wird.

Majd Mastoura bekam einen Silbernen Bären für die beste männliche Hauptrolle, Regisseur Mohamed Ben Attia wurde für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet. Es spricht nicht für die Qualität des Wettbewerbs-Jahrgangs 2016, dass dieser nur mäßig überzeugende Film gleich zwei Preise mit nach Hause nehmen durfte.

Zu den großen Enttäuschungen des Wettbewerbs gehören neben „L´Avenir“, der unverständlicherweise mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, und der Fallada-Verfilmung „Alone in Berlin“ der iranische Film „Ejhdeha Vared Mishavad!/A Dragon Arrives!“ und „Genius“.

Das iranische Kino war in den vergangenen Jahren häufig eine Bereicherung der großen Festivals. Regisseure wie Jafar Panahi oder Asghar Farhadi schafften es immer wieder, der Zensur ein Schnippchen zu schlagen und „unglaublich aufregendes Kino“ zu bieten. Auch Mani Haghighi gehört mit „Paziraie Sadeh/Modest Reception“, der 2012 im Forum der Berlinale lief und unter dem Titel „Die Macht des Geldes“ in einigen Programmkinos startete, in diese Reihe.

Sein neuer Film „Ejhdeha Vared Mishavad!/A Dragon Arrives!“ löste so heftiges Kopfschütteln in den vorderen Reihen aus, dass es teilweise schwer war, die Untertitel zu lesen. Er springt zwischen den Zeiten (1965 und heute), versucht eine Film-im-Film-Ebene einzubauen, spielt mit mystischen Elementen und Erdbeben, die durch Todesfälle ausgelöst werden. Dabei kommt ein völlig überladener Experimentalfilm heraus, der weit hinter der gewohnten Qualität des iranischen Kinos zurückbleibt. Fraglich ist, ob es für ein iranisches Publikum einfacher ist, die Anspielungen zu dechiffrieren.

Sehr langatmig geriet das Spielfilmdebüt „Genius“ des britischen Theaterregisseurs Michael Grandage. Statisch und ohne Spannung erzählt er die Entstehungsgeschichte des Romans „Schau heimwärts, Engel!“ Der Film beschreibt, wie der Lektor Max Perkins, der auch Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald betreute, mit seinem Autor darum rang, das ausufernde Manuskript auf einen immer noch umfangreichen 700 Seiten-Wälzer zu kürzen. Trotz geballter Hollywood-Prominenz (Jude Law als Wolfe, Colin Firth als Lektor und Nicole Kidman als Muse des exzentrisch-genialen Autors) schleppt sich der Film knapp zwei Stunden dahin.

Leider konnte ich mir von folgenden vier Preisträgerfilmen kein eigenes Bild machen: Den Großen Preis der Jury gewann der bosnische Regisseur Danis Tanović für „Smrt u Sarajevu /Mort à Sarajevo“, der hier positiv besprochen, aber z.B. in der taz als „plump“ verrissen wurde. Ein cineastisches Nischenpublikum mit viel Sitzfleisch spricht der knapp achtstündige Film „Hele Sa Hiwagang Hapis/ A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ von Lav Diaz über die Kolonialgeschichte der Philippinen an. Er wurde mit dem Alfred Bauer-Preis ausgezeichnet. Der Silberne Bär für das Beste Drehbuch ging an den Polen Tomasz Wasilewski für „Zjednoczone stany miłości/United States of Love“, der in mehreren Episoden von der Tristesse in der Umbruchphase Anfang der 90er Jahre erzählt. Die Dänin Trine Dyrholm wurde als beste Schauspielerin des Festivals ausgezeichnet: Thomas Vinterbergs „Kollektivet“ über eine Kommune in den 70ern erntete zwar viele negative Kritiken und wurde z.B. in der ZEIT als „konventionell-missglückt“ kritisiert. Dyrholm, die bereits in Vinterbergs herausragendem Dogma-Film „Das Fest“ (1996) mitspielte, wurde jedoch für ihre Darstellung einer starken Frau zwischen „Pantoffelhelden“ gelobt.

Starke Auftritte des chilenischen Kinos und Teddy-Jubiläum

Wie sah es abseits des Wettbewerbs im Panorama aus? Dort lief mein Lieblingsfilm des Festivals „Aquí no ha pasado nada/Much ado about nothing“. Dem chilenischen Regisseur Alejandro Fernández Almendras gelang ein packendes Drama, das zugleich ein präzises Gesellschaftsporträt zeichnet. Sunnyboy Vicente (Agustín Silva) trifft am Strand zufällig eine Clique aus der Oberschicht. Nach einer alkoholreichen Partynacht endet der Trip mit der Luxuskarosse eines angesehenen Senators für einen Passanten tödlich.

Der Film schildert die juristischen Winkelzüge des von den Familien der reichen Sprösslinge beauftragten Anwalts, der Indizien uminterpretiert, Druck auf Zeugen ausübt und an Deals mit der Staatsanwaltschaft feilt. Almendras versteht es, eine dichte Atmosphäre zu schaffen und mit dem passenden Soundtrack zu unterlegen. Interessant gemacht ist auch die visuelle Einbettung der vielen Smartphone-Nachrichten, die sich die Tatbeteiligten schicken. Alejandro Fernández Almendras ist ein Name, den man sich merken sollte. Der Film „Aquí no ha pasado nada“ weckt Neugier auf seinen bereits 2014 in Sundance ausgezeichneten Film „Matar un hombre/To kill a man“ und das chilenische Kino, das in diesem Jahr auf der Berlinale stark vertreten war.

Ebenso wie „Aquí no ha pasado nada“ beruht auch der bereits hier besprochene chilenische Film „Nunca vas a estar solo“ auf einer wahren Begebenheit. Dieser Debütfilm über den Mord einer Nazi-Gang an einem homosexuellen Jungen wurde bei der 30. Teddy-Gala mit dem Spezial-Preis der Jury ausgezeichnet.

Dies war ein würdiger Preisträger einer sehr politischen Teddy-Preisverleihung, bei der Selmin Çaliskan, die Generalsekretärin von amnesty international in Deutschland mit deutlichen Worten davor warnte, Marokko, Tunesien und Algerien als sogenannte „sichere Herkunftsstaaten“ einzustufen.

Als Rahmenprogramm des Teddy-Jubiläums gab es eine kleine Filmreihe, deren Höhepunkt die restaurierte Fassung von „Anders als die Andern“ war. Der Film nutzte im Jahr 1919 eine kurze Phase der Freiheit, bevor er 1920 nach Wiedereinführung der Zensur mit dem sog. „Reichslichtspielgesetz“ verboten wurde. Magnus Hirschfeld tritt als Arzt auf und plädiert anhand seiner mit einem Suizid endenden Erpressungsgeschichte für die Abschaffung des Strafrechtsparagraphen 175. Dies ist das erste Werk der Filmgeschichte, in dem Homosexualität offen behandelt wurde.

Mit einem Teddy für ihr Lebenswerk wurde die amerikanische Regisseurin und Produzentin Christine Vachon ausgezeichnet, die von „Velvet Goldmine“ von Todd Haynes (1998) bis „Carol“ (2015) wichtige Independent-Filme ermöglichte. Im Panorama Spielfilm-Programm war Vachons neuester Film „Goat“ vertreten, den sie mit James Franco produzierte. Regisseur Andrew Neel erzählt darin von den demütigenden Aufnahmeritualen einer Studentenverbindung an einer US-Elite-Uni.

„Goats“ ist ein Film zu einem wichtigen Thema, gegen den jedoch einzuwenden ist, dass er sich etwas zu sehr an den sadistischen Spielen und der Brutalität seiner Protagonisten weidet. Überzeugende Leistungen bieten Ben Schnetzer, der bereits in den beiden britischen Dramen „Pride“ und „The Riot Club“ (zu einem ähnlichen Thema in Oxford) aufgefallen ist, und Nick Jonas, ein ehemaliger Boygroup-Sänger. Hollywood-Star James Franco bleibt dagegen in seiner Nebenrolle diesmal blass.

Deutlich mehr erwartet hatte ich von der New Yorker Stadtneurotiker-Tragikomödie „Maggie´s Plan“. Rebecca Miller hatte zwar ein hervorragendes Ensemble mit Greta Gerwig, Ethan Hawke und Julianne Moore zur Verfügung, macht daraus aber nur einen lauen Aufguss der bekannten Genre-Geschichten von Woody Allen und Noah Baumbach.

US-Dokumentarfilme als Berlinale Special

Michael Moore konnte wegen einer Erkrankung nicht zur Gala-Vorstellung seines neuen Films „Where to invade next“ kommen, der als Berlinale Special im Friedrichstadt-Palast lief. Dafür hat er einen kurzen Vorspann gedreht, in dem er sich im Bademantel direkt an das Kinopublikum wendet und Angela Merkel ausführlich für ihre Willkommens-Politik lobt. Die restlichen zwei Stunden sind eine Abrechnung mit der Politik seines Heimatlandes. Michael Moore reiste durch mehrere europäische Länder und stellt mit gespielter Verwunderung die Errungenschaften des europäischen Wohlfahrtsstaates vor (gesundes französisches Schulessen, großzügige, von den Gewerkschaften erkämpfte Urlaubsregeln wie in Italien oder Frauenförderung in Island). Das ist phasenweise schlitzohrig-amüsant, aber erschöpft sich dann im Recycling der bekannten Masche von Michael Moore: „Wim Wenders dreht keine Actionfilme, Disney keine Pornos, Michael Moore keine differenzierten Filme. So ist das nun mal.“

Die NDR-Co-Produktion „National Bird“ widmete sich ebenfalls als Berlinale Special dem Drohnenkrieg der USA. Sonia Kennebeck traf sich mit drei ehemaligen Analysten, die den Dienst quittiert haben.

Die Dokumentation bekommt ihr heißes Eisen nicht so recht zu fassen: das liegt zum einen daran, dass jeder Verstoß gegen die Geheimhaltungspflicht für die drei Insider schwere Konsequenzen hätte. Dem Mann im Trio droht eine Anklage nach dem Espionage Act. Eine der beiden Frauen arbeitet mittlerweile für eine NGO in Afghanistan, die andere kämpfte erfolgreich darum, die Behandlungskosten für ihre posttraumatische Belastungsstörung erstattet zu bekommen. Zum anderen leidet der Film darunter, dass manche Statements seiner Protagonisten etwas naiv daherkommen.

Vielleicht gibt es ja im nächsten Jahr einen neuen Versuch, das wichtige Thema Drohnenkrieg differenziert zu beleuchten? Vor allem wünsche ich mir, dass die Berlinale im Februar 2017 nach dem durchwachsenen Jahrgang 2016 wieder an das Niveau von 2015 anknüpfen kann.

Der Text ist zuerst hier erschienen: http://kulturblog.e-politik.de

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