Berlinale 2016: Viel Mittelmaß in der ersten Hälfte des Festivals

Die Halbzeitbilanz der Berlinale 2016 fällt ernüchternd aus: Das Mittelmaß regiert. Bemerkenswerte Filme sind bislang Mangelware.

Zunächst ein Blick auf den prestigeträchtigen Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären.

Am Freitag ging „Midnight Special“ ins Rennen: US-amerikanisches Independent-Kino von Jeff Nichols, der bereits zweimal im Forum zu Gast war (2007 mit „Shotgun Stories“ und 2011 mit „Take Shelter“). Sein vierter Film ist ein Science-Fiction-Roadmovie, das sich an den ambitionierten Versuch wagt, die NSA-Überwachungsdebatte mit den Erlösungsphantasien christlich-fundamentalistischer Sekten zu verknüpfen. Vermutlich waren es neben der prominenten Besetzung in den Nebenrollen (Kirsten Dunst als Mutter des Erlöser-Alien-Jungen Alton, der von Jaden Lieberhaer gespielt wird, und Adam Driver als NSA-Analyst) diese beiden brisanten Themen, die dem Film eine Einladung zum Festival sicherten.

Statt einer interessanten Studie über die „Gewalt- und Paranoiastrukturen der US-amerikanischen Provinz“, die im Programmheft versprochen wurden, bekamen wir nur eine verquaste Mischung aus Action und Mystery geboten, die außerhalb einer Fangemeinde kaum ein größeres Publikum erreichen dürfte.

Immerhin war dieser Film noch überzeugender als „L´avenir“: diese banale, vor Stereotypen strotzende Geschichte über die Philosophielehrerin Nathalie an einem französischen Lycée, die von ihrem Mann für eine Jüngere verlassen wird, plätschert betulich dahin. Hauptdarstellerin Isabelle Huppert ist eine Bereicherung für jedes Festival. Aber diesen Film von Mia Hansen-Løve, in dem sie einige Kalenderspruch-Weisheiten aufsagen muss, konnte auch sie nicht retten.

Besser war der zweite französische Wettbewerbsbeitrag „Quand on a 17 ans“ von André Téchiné. Er begann in den 60ern als Redakteur der „Cahiers du Cinema“ und Regieassistent des kürzlich verstorbenen Jaques Rivette, eines der führenden Köpfe der „Nouvelle Vague“. Für seine dritte Teilnahme am Berlinale-Wettbewerb nach „Le temps qui changent“ (2004) und „Les témoins“ (2007) tat er sich mit seiner jüngeren Kollegin Céline Sciamma zusammen, die mit „Water Lillies“ (2007) und „Tomboy“ (2011) ihr Talent für subtile Psychodramen gezeigt hat.

„Quand on a 17 ans“ ist zumindest halbwegs gelungen: die Studie der schwierigen Beziehung der beiden Gymnasiasten Damien (Kacey Mottet Klein) und Tom (Corentin Fila) wird von den beiden Nachwuchsdarstellern überzeugend gespielt. Trotz Mobbing und Gewaltausbrüchen ist zwischen den beiden von Beginn an eine Anziehung zu spüren, die vor allem Tom nicht wahrhaben will und die beiden Angst macht. Dass diese schon in vielen Varianten erzählte Geschichte vor der eindrucksvollen Pyrenäen-Kulisse gut funktioniert, liegt an den begabten Schauspielern (Kacey Mottet Klein aus der französischen Schweiz wurde bereits 2013 für seine Hauptrolle in Ursula Meiers „Winterdieb“ ausgezeichnet) und am Können des Drehbuch-Duos Téchiné/Scíamma.

Eine Schwäche des Films ist, dass die Rolle von Marianne, der Mutter von Damien, (Sandrine Kiberlain) als Ärztin mit Helfer-Syndrom teilweise ins Klischeehafte abdriftet. Auch der Nebenstrang über ihren Mann, der bei einem Auslandseinsatz stirbt, wirkt überflüssig. Dennoch ist „Quand on a 17 ans“ ein annehmbarer Genrefilm und somit ein Lichtblick des bisherigen Festivals.

Im Vorfeld wurde besonders viel über die Dokumentation „Fuocoammare/Fire at sea“ des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi gesprochen. Er verzichtet auf jeden Kommentar aus dem Off und stellt knapp zwei Stunden lang seine Eindrücke aus Lampedusa gegenüber. Hier der Alltag der Inselbewohner: ein 12jähriger Junge erkundet mit seinen Freunden die Verstecke in der Natur und quält sich durch seine Hausaufgaben. Für ein älteres Ehepaar ist das tägliche Radio-Wunschprogramm ein festes Ritual: Anrufer dürfen sich ihr Lieblingslied wünschen und einen Bekannten oder Verwandten grüßen. Die Dramen aus dem Mittelmeer werden dazwischen geschnitten: Seenot-Rettungsrufe der Flüchtlinge auf den Schlepperbooten. Horrormeldungen über weitere Ertrunkene. Ihre Ankunft: völlig durchnässt und erschöpft. Ein Arzt schildert seine Gefühle von Wut, Ohnmacht und Schmerz.

Der Regisseur schaffte es nicht, sein Material zu verdichten. Die knapp zwei Stunden wirken redundant. Aus den starken Szenen hätte ein überzeugender Film werden können, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und um die Hälfte gekürzt hätte.

Eine Enttäuschung war auch „Alone in Berlin“ die Verfilmung von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Perez aus der Schweiz. Er hätte eigentlich nur auf die packende, wahre Geschichte seiner Vorlage vertrauen müssen. Das Ehepaar Quangel (Brendan Gleeson und Emma Thompson) verteilte in Berliner Bürogebäuden mehrere Jahre lang Postkarten gegen die Nazis und wurde für ihren mutigen Widerstand hingerichtet. Luc Perceval machte daraus am Hamburger Thalia Theater eine sehenswerte Inszenierung, die 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war.

Auf der Berlinale ist leider nur eine hölzerne Film-Adaption zu erleben, die den Stoff emotionslos nacherzählt und die mangelnde Empathie durch eine schwer erträgliche Klangsoße von Alexandre Desplat zu überdecken versucht. Die namhafte Besetzung dieses Films (neben Gleeson und Thompson ist noch Daniel Brühl als Kommissar Escherich dabei), konnte das Scheitern dieser Verfilmung nicht verhindern.

Das Niveau im Wettbewerb bleibt zum Berlinale-Auftakt 2016 also weit hinter dem Vorjahr zurück. Damals waren „Victoria“, ein Highlight des gesamten Filmjahres, und der iranische Bären-Gewinner „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi zu erleben. Starke Auftritte und überraschende Seherlebnisse fehlen diesmal, stattdessen viel Ödnis am Potsdamer Platz.

Wie sieht es im Panorama aus?

Die brasilianische Regisseurin Anna Mulyaert, die Gewinnerin des Publikumspreises 2015, kehrt mit „Mãe só há uma/Don´t call me son“ zurück.

Der Film erzählt die Geschichte des 17jährigen Pierre, der von seiner vermeintlichen Mutter Aracy nach der Geburt aus dem Krankenhaus entführt und als ihr Sohn ausgegeben wurde. Als sie mit einem Gentest überführt und von der Polizei abgeholt wird, fällt es Pierre schwer, sich bei seinen wohlhabenden, leiblichen Eltern einzuleben, die ihn Felipe nennen.

Die Regisseurin konnte sich anscheinend nicht dazu durchringen, dem Hauptstrang zu vertrauen, und verzettelt sich zu sehr in der Beschreibung der Pubertäts-Identitätssuche des Hauptdarstellers, der zwischen Partys, Bandproben und Lippentift/Frauen-Reizwäsche-Experimenten vor dem Spiegel nach seinem Ich sucht und seltsam blass bleibt.

Aus Deutschland ist „Jonathan“, das Regie-Debüt von Piotr J. Lewandowski, im Spielfilmprogramm. Für diese TV-Produktion von SWR/WDR/arte mit vielen bekannten Fernseh-Gesichtern ist die Leinwand auf dem internationalen Festival eine Nummer zu groß. Die Geschichte über Familiengeheimnisse, die unter den Teppich gekehrt werden, und die schrittweise Emanzipation des Bauern Jonathan (Jannis Niewöhner vom Regisseur in einer seiner ersten Hauptrollen gut in Szene gesetzt) plätschert zu konventionell vor sich hin.

Scharenweise gingen die Leute beim marokkanischen Spielfilm „Starve your Dog“ von Hicham Lasri zum Ausgang. Der Anfang war vielversprechend: eine alte Frau beklagt die Perspektivlosigkeit, der Geist des Arabischen Frühlings liegt in der Luft. Dieser „experimentelle Kino-Essay“ (Programmheft) kreist aber so selbstverliebt um seine Assoziationen, dass sich schnell eine genervte Stimmung im Publikum breit macht. Lasri imaginiert schließlich, dass Driss Basri, ein wegen Menschenrechtsverletzungen berüchtigter ehemaliger marokkanischer Innenminister, nicht in seinem Pariser Exil starb, sondern nach Casablanca zurückkehrt und von einem Filmteam begleitet wird. Ohne Kenntnis der innenpolitischen Entwicklungen auf dem Maghreb in den vergangenen Jahrzehnten lohnt sich der Film nicht, sondern wird zur Geduldsprobe.

Die Reihen lichteten sich auch im iranischen Film „Lantouri“ von Reza Dormishian. Das hatte zwei Gründe: Erstens legt der Film einige falsche Fährten und mäandert lange, bevor er zum Punkt kommt. Zweitens zeigt er explizite, grausame Szenen von nach Säureattentaten entstellten Gesichtern. Der Film beginnt mit hektisch aneinandergereihten Interview-Schnipseln über die Raubzüge der Gang „Lantouri“, die im Robin Hood-Stil bei der reichen Oberschicht einbricht und korrupten Unternehmern ihre Edelkarossen klaut. Im zweiten Drittel mutiert der Film zu einem zähen Stalking-Drama – die Premiere fand ausgerechnet am Valentinstag statt. Erst im letzten Drittel wird klar, worauf der Film eigentlich hinauswill: er ist ein Plädoyer für Vergebung und gegen das Prinzip „Auge um Auge“ (Lex Talionis), das wir aus dem Alten Testament und dem Koran kennen und das gültiger Bestandteil des iranischen Strafrechts ist.

Der Film erzählt, wie der Gang-Boss aus Frust über die unerwiderte Liebe seine Angebetete mit Säure übergießt. Sie ist zunächst fest entschlossen, auf ihr Recht zu pochen, und will dabei zusehen, wie Ärzte dem Täter ebenfalls Säure in die Augen träufeln, bevor sie es sich im letzten Moment anders überlegt. Der Film ist in seiner Grausamkeit schwer zu ertragen und wegen seiner Verwirrungstaktik zu Beginn auch schwer zugänglich: „Lantouri“ ist kein guter, aber doch immerhin ein bemerkenswerter Film!

Von brutaler Gewalt erzählt auch der chilenische Film „Nunca vas a estar solo“: ein homosexueller Junge wird zusammengeschlagen und übel zugerichtet. Der Film erzählt aus der Perspektive des Vaters, der mit der Krankenkasse um die Abrechnung der Behandlungskosten ringt. Die Täter kommen ungeschoren davon, Zeugen fehlen. Der Musiker Alex Anwandter erzählt die bedrückende Geschichte seines ersten Films mit eindringlichen Bildern, das Ende wird gerät etwas zu kitschig. Inspiriert ist sein Film von einer wahren Begebenheit: im März 2012 wurde Daniel Zamudio in Santiago de Chile von Neonazis totgeprügelt. Er war ein Fan von Alex Anwandters Band.

Bei der Dokumentation „Hotel Dallas“ wurde die Hoffnung, dass das regieführende Paar Livia Ungur und Sherng-Lee Huang noch die Kurve bekommt, leider enttäuscht. Nach einigen Kurzfilmen drehten sie ihr erstes 75 Minuten-Werk und wählten dafür auch ein interessantes Thema: in Rumänien war die Seifenoper „Dallas“ in den 80ern ein echter Straßenfeger, ansonsten liefen nur Ceaucescu-Propaganda-Reden. Das Regime wollte mit dieser Serie ein Ventil schaffen und hoffte, dass die kapitalistischen Machenschaften von J. R. Ewing ihren Beitrag zur sozialistischen Erziehung der Bevölkerung leisten würde. Stattdessen wurde J. R. für manche Oligarchen, die nach dem Sturz des Regimes 1989 schnell zu Geld kamen, zum Vorbild. Ilie baute sogar die Southfork Ranch mitten in der rumänischen Landschaft nach und setzte den Eiffelturm in die Mitte. Leider erschöpft sich der Film in ästhetischen Spielereien. Bei dem Versuch, „eine vielschichtige und oft auch surreale Parabel auf Kommunismus, Kindheit und die Macht der Kunst zu erzählen“, übernimmt sich der Film und versandet in Belanglosigkeit.

Berghain-Flair kommt im französischen Film „Théo et Hugo dans le même bateau/Paris 05:59“ der beiden regelmäßigen Panorama-Gäste Olivier Ducastel und Jaques Martineau auf. Die 2ominütigen, expliziten Szenen einer Sex-Party sind sicher nicht mainstream-kompatibel. Der Film (Edition Salzgeber) wechselt jedoch schnell das Ambiente und geht in der Tristesse der Notaufnahme einer Klinik weiter. Da Théo und Hugo die Grundregeln des „Safer Sex“ nicht befolgt haben, werden dort die Notfallmaßnahmen gegen eine befürchtete HIV-Infektion eingeleitet. Der Film beschreibt die Gefühlsschwankungen zwischen Party-Ekstase, Schock über die Diagnose und der bangen Frage, wie es weiter geht, und dreht sich vor allem darum, wie schnell und wie viel Nähe die beiden Hauptfiguren zulassen. „Paris 05:59“ ist in der Tradition französischer Beziehungsdramen souverän gefilmt, verzettelt sich aber auch etwas zu sehr in banalen Dialogen mit anderen Metro-Fahrgästen.

Auch im „Panorama“ der Berlinale 2016 ist bisher mehr Schatten als Licht.

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