Merkel zwischen Schäuble und Seehofer: Kabarettistisches „Jahresendzeitprogramm“ 2015/16

Eingeweihte wissen: Während der öden Bundestagsdebatten, zähen Kabinettssitzungen und nächtelangen EU-Gipfel freut sich Angela Merkel schon das ganze Jahr darauf, im Dezember und Januar endlich wieder durch das „Jahresendzeitprogramm“ führen zu dürfen. Die Aussicht auf ein paar unterhaltsame, entspannte Abende im Mehringhoftheater und im Theater am Kurfürstendamm lässt manchen Frust leichter ertragen.

Aber nicht mal diese kurze Verschnaufpause ist unserer Kanzlerin vergönnt. Ihre beiden aktuellen Lieblings-Nervensägen verfolgen sie bis in ihr letztes Refugium: Erstens ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble, der gerne über Lawinen und Skifahrer philosophiert, mit sphinxhaftem Lächeln die naheliegende Vermutung, dass er mit seinen Sprachbildern auf die Kabinettschefin abzielt, als Unterstellung zurückweist und die Spekulationen, dass er bald ihr Nachfolger werden könnte, still genießt. Zweitens Horst Seehofer, der Vorsitzende ihrer Schwesterpartei, der ihr wie einem Schulmädchen minutenlang die Welt erklärt, wenn sie ihn auf dem CSU-Parteitag besucht, und ihr regelmäßig Drohbriefe schickt.

Schäuble und Seehofer (beide gespielt von Hannes Heesch) drängen sich Merkel (Christoph Jungmann) als Co-Moderatoren des „Jahresendzeitteams“ auf. Zu allem Überfluss schneit kurz vor Schluss auch noch Bundespräsident Joachim Gauck (ebenfalls Heesch) herein, den sie nur mit Mühe davon abhalten kann, eine seiner ausufernden, salbungsvollen Ansprachen an die lieben Bürgerinnen und Bürger zu halten.

Der obligatorische Spott über das BER-Desaster darf auch in diesem Jahr nicht fehlen. Horst Evers hat sichtlich Freude daran, neue aberwitzige Aspekte dieser nichtendenwollenden Peinlichkeit für den Berliner Senat aufzuspießen. Gemeinsam mit Bov Bjerg ist er für die Skurrilitäten des Alltags zuständig. Der Rest des Programms ist nachdenklicher als sonst und spiegelt die mediale Katerstimmung nach einem kurzen Sommer der Euphorie. Manfred Maurenbrecher lamentiert am Klavier in der Rolle eines Alt-68ers, der sich auf ein paar schöne Rentner-Jahre im sorglosen Wohlstand gefreut hatte und nun darüber erschrickt, dass sich plötzlich so viele Menschen auf der Flucht vor Hunger und Krieg auf den Weg zu uns machen. Auch Angela Merkel zeigt sich an diesem Abend nicht so felsenfest überzeugt, dass wir das schaffen, sondern beklagt, dass sie ausgebrannt und ratlos sei.

Die beiden lustigsten Nummern des Abends führten weg vom aktuellen Krisendiskurs: Der Song über das Bürgeramt, das nachts davon träumt, endlich seine Ruhe vor den lästigen Bürgern zu haben, und am nächsten Morgen wieder in der tristen Realität voller Wartezimmer und stundenlang nicht aufgerufener Nummern ankommt, spricht jedem aus dem Herzen, der schon mal versucht hat, dort seinen Pass zu verlängern. Ähnlich viel Applaus bekam eine Parodie auf Xavier Naidoos Ohrwürmer: der umgedichtete Text hielt den Helikopter-Eltern im Kita-Streik den Spiegel vor.

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Über Konrad Kögler

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