„Grimm!“: Wer hat Angst vorm bösen Wolf an der Neuköllner Oper?

Das Duo Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Regie und Text) hat sich einen Namen mit seinen sozialkritischen und witzigen Musicals gemacht. Zum mittlerweile 15. Mal entwickelten sie mit Lunds Studentinnen und Studenten von der Universität der Künste (UdK), die im 3. und 4. Studienjahr kurz vor dem Abschluss stehen, eine Produktion für die Neuköllner Oper.

Auf den ersten Blick könnte man vermuten, dass Zaufke/Lund diesmal neue Wege gehen: „Grimm! Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ taucht in den Fundus der Figuren aus Mythen und Märchen ein. Neben dem Rotkäppchen (Devi-Ananda Dahm) und dem Wolf (Jan-Philipp Rekeszus) bevölkern drei Schweinchen auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität (Dennis Hupka, Fabian-Joubert Gallmeister und Feline Zimmermann), ein Wildschwein (Klara Brunken), zwei Hunde (Anthony Curtis Kirby als Rex und Dennis Weißert als Sultan), eine Oma Eule (Sophia Euskirchen) sowie Gisela Geiß (Katharina Beatrice Hierl) die Szenerie.

Aber Zaufke/Lund geht es natürlich nicht darum, die bekannten Märchen brav zu bebildern. Sie bedienen sich der Motive, brechen sie ironisch und senden eine Botschaft: Geht ohne Vorurteile auf einander zu! Habt keine Angst vor Fremden! In dieser bunten Musical-Revue treffen zwei Welten aufeinander: Hier das engstirnige Dorf, das sich abschottet, einigelt und vor dem „bösen Wolf“ zittert. Dort der Wald, der für Anarchie, In-den-Tag-hinein-Leben und Freizügkeit steht.

Das Stück lebt von seinen liebenswerten Figuren, aus dem Ensemble ragen besonders heraus: Sophia Euskirchen als die altersweise Eule, die viel Geduld aufbringt, zwischen den Streithähnen immer wieder zu schlichten; Katharina Beatrice Hierl als die schwäbelnde, opportunistisch zwischen den Fronten schwankende, alleinerziehende Gisela Geiß, die schon mal den Überblick verliert, ob sie nun eigentlich sechs oder sieben Geißlein hat; Dennis Hupka als im Fatsuit tapsendes Schweinchen Didi, das im Lauf des Stücks lernt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, und sich am Ende in den Wolf verliebt; Jan-Philipp Rekeszus als Wolf Grimm.

Unter den Schauspielern gibt es keine Ausfälle. Einige von ihnen waren auch schon an der Seite von Katharine Mehrling in „Next to normal“ im Sommer 2015 im Renaissancetheater zu sehen. Aber Peter Lunds Textvorlage balanciert manchmal in süßlicher Tonlage gefährlich nah an den Kitsch heran. Die Botschaft von Völkerverständigung und „Habt euch alle lieb“ kommt in manchen Nummern viel weniger subtil daher, als wir es von ihm gewohnt sind.

Dank der guten Darsteller und weil auch Lunds Text immer wieder doch noch rechtzeitig die Kurve kriegt, ist „Grimm!“ unterhaltsames Theater für die ganze Familie. Wer über die Weihnachtstage an die Neuköllner Oper möchte, muss aber Glück haben: für die meisten Vorstellungen gibt es höchstens noch Restkarten an der Abendkasse.

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