Wie hältst Du es mit der Religion? Frank Castorfs „Karamasow“-Exzess, Salman Rushdies neuer Roman und Heribert Prantl zu Gast bei Gregor Gysi

Castorfs „Brüder Karamasow“-Exzess: mit All-Star-Team durchs Planschbecken und aufs Dach

In Frank Castorfs sechseinhalbstündigem „monologisch-labyrinthischem Dostojewski-Exerzitium“ führt der Weg zur Religion wie sooft an der Volksbühne durch ein Planschbecken: Der Abend beginnt damit, dass die Schauspieler durch das Wasser zur Klause des Starez Sossima (Jeanne Balibar) waten, der hier als überfordertes Würstchen zu erleben ist.

Erwartungsgemäß hat Castorf die seitenlangen, oft staubtrockenen Abhandlungen über theologische und staatskirchenrechtliche Fragen in seiner Bearbeitung des 1200 Seiten-Wälzers „Die Brüder Karamasow“ gestrichen. Die Frage nach der Religion bleibt als Hintergrundrauschen in den folgenden Stunden präsent, die das Publikum entweder auf den nicht sonderlich bequemen Sofa-Sitzsäcken oder auf Stühlen miterlebt.

Castorf entschied sich jedoch dafür, vor allem die Zerrissenheit Russlands zwischen orthodoxer Tradition und westlichem Liberalismus zu thematisieren. Immer wieder hat er Fremdtexte von DJ Stalingrad in seinen Dostojewski-Abend geschmuggelt: es wird über Hooligans geschimpft, über Putin räsoniert und auch mal der Bogen zur Sowjet-Vergangenheit geschlagen.

Wir erleben einen wild durcheinandergewirbelten Mix aus knackigen Szenen und mäandernden Monologen: ein Best-of aus Dostojewskis philosophischem Krimi und der Schauspielkunst des Volksbühnen-Ensembles. Viele bekannte Namen aus der bald zuendegehenden Castorf-Ära sind hier noch einmal in Rollen zu erleben, die ihnen wie auf den Leib geschrieben scheinen: Kathrin Angerer als die Männer um den Finger wickelnde Femme fatale Gruschenka; Patrick Güldenberg mit der nervösen Intellektualität des Michail Rakitin; Alexander Scheer als Iwan Karamasow, der unmittelbar nach der Pause über das Dach der Volksbühne tigert und im Gleichnis des Großinquisitors über die Sklaven-Mentalität herzieht. Und schließlich Sophie Rois als Pawel Smerdjakow, die „Mörder, Mörder, Mörder“ kräht, als sich fast alle Ensemble-Mitglieder bei einem gemeinsamen Saunagang nach schon weit mehr als fünf Stunden die letzten Reste an Energie herausschwitzen.

Wie bei Castorfs Volksbühnen-Exzessen üblich wird das Geschehen über weite Strecken mit Livekamera gefilmt und auf die Leinwand übertragen. Auch das oligatorische Zetern, Kreischen und Brüllen fehlt nicht, angereichert mit einer Prise Selbstironie, als ein Schauspieler ins Publikum fragt: Glauben Sie denn, dass uns dieses ständige Brüllen Spaß macht?!

Das Fazit der sechseinhalb Stunden fällt ähnlich wie bei Thorsten Lensings Inszenierung in den Sophiensaelen vor einem Jahr aus: die Regisseure nutzen den Karamasow-Wälzer als Steinbruch und picken sich einige Motive heraus. Zwischen Langeweile und Schreiduellen blitzt hin und wieder ein Kabinettstückchen auf. Eine wirklich überzeugende Adaption dieses schweren Brockens Weltliteratur für die Theaterbühne steht aber noch aus.

Salman Rushdie über IS, Saudi-Arabien und seinen neuen Roman voller Fantasy-Motive

Um die Religion ging es auch beim Auftritt eines weltberühmten Autors im Haus der Berliner Festspiele: Nur eine Woche nach den Pariser Anschlägen und angesichts der strengen Sicherheitskontrollen hatten sicher viele Besucher der Lesung von Salman Rushdie ein mulmiges Gefühl. Trotz des spannenden Themas und des prominenten Schriftstellers blieben ungewöhnlich viele Plätze bei der letzten Veranstaltung des internationalen literaturfestivals berlin leer.

Zunächst ging es um seinen aktuellen Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ (die zusammen 1001 Nacht ergeben). Darin lässt Rushdie den Glauben und die Vernunft der Aufklärung zur Schlacht gegeneinander antreten. Märchengestalten wie die Dschinn und eine Königin des Lichts geistern durch die Handlung, so dass es eine naheliegende Wahl war, den Game of Thrones-Star Tom Wlaschiha aus der deutschen Übersetzung lesen zu lassen.

Die Feuilletons waren von diesem Werk nicht so angetan, attestierten ihm zwar Fabulierlust, bemängelten aber, dass der Plot eines manichäischen Kampfs zwischen Gut und Böse zu einfach gestrickt sei. Die FAZ empfahl deshalb, lieber zu den Rushdie-Klassikern „Mitternachtskinder“ (1980) oder „Die satanischen Verse“ (1988) zu greifen.

Dementsprechend wurde auch das Gespräch von Salman Rushdie mit der FAS-Redakteurin Johanna Adorján interessanter, als es vom Roman zu allgemeineren Themen überging: zu seinen Jahren in wechselnden Verstecken nach der Fatwa des iranischen Ayatollahs Chomeini im Jahr 1989 gegen ihn und zur aktuellen Weltlage.

Rushdie forderte die westlichen Gesellschaften auf, sich nicht vom Terror einschüchtern und die Lebensfreude nehmen zu lassen. Fast ebenso hart wie mit den „Bastarden“ vom IS ging er mit dem Regime in Saudi-Arabien ins Gericht, das islamische Fundamentalisten großzügig alimentiert. Er entließ das Publikum nach knapp 90 Minuten mit der Prognose in den Abend, dass die fundamentalistischen Terrorgruppen den religiösen Glauben langfristig so diskreditieren könnten, dass er vielleicht in einigen Jahrhunderten im gesellschaftlichen Zusammenleben gar keine Rolle mehr spielt.

Heribert Prantl und Gregor Gysi über Wölfe im Schafspelz, Apfelbäume und die Wackersdorf-Proteste

Auch die Matinee am Deutschen Theater begann Gregor Gysi mit der Frage, wie es sein Gast Heribert Prantl denn mit der Religion halte. Der Leitartikler der Süddeutschen Zeitung antwortete, dass er seine Kindheit in der tief-katholischen und politisch tief-schwarzen Oberpfalz in sehr angenehmer Erinnerung habe. Nur das katholische Internat, in das er gesteckt wurde, sei so grässlich gewesen, dass er nachts weggelaufen und in seine Heimatgemeinde Nittenau geflüchtet sei. Er sei bis heute nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten und bezeichnete sich als „Weihrauchkatholik“.

Prantl zeichnete in der Reihe „Gysi trifft Zeitgenossen“ seinen Werdegang nach: das Jura-Studium fand er anfangs entsetzlich trocken, so dass er auch Vorlesungen in Geschichte und Philosophie besuchte. Dass Jura mehr als Paragraphen-Handwerk sein kann, lernte er bei den Rechtswissenschaftlern Dieter Medicus, Claus Roxin und Dieter Schwab, die über den Tellerrand ihres Fachgebiets hinausblickten.

Nach einem Praktikum bei einem Notar erschien es ihm zu langweilig, sein Berufsleben mit dem Verlesen von Urkunden zu verbringen. Stattdessen wurde er Staatsanwalt in Regensburg und war dort vor allem für die Auseinandersetzungen um die Atom-Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf zuständig.

Als der junge Staatsanwalt Prantl mit 32 Jahren das Angebot annahm, als rechtspolitischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung zu wechseln, sei er von den Kolleginnen und Kollegen anfangs „mit spitzen Fingern“ angefasst worden. Aus heutiger Sicht ist es schon sehr skurril, dass dem meinungsstarken und wortgewaltigen Verteidiger der Bürgerrechte damals der Ruf vorauseilte, eher konservative, regierungsnahe Positionen zu vertreten. Mit seinen ersten Kommentaren gegen das Vermummungsverbot und die Einführung der Kronzeugenregelung änderte sich dieses Bild natürlich schnell. Prantl berichtete bei der Matinee, dass Mitglieder der damaligen SZ-Chefredaktion gestöhnt haben sollen, dass man sich hier anscheinend den „Wolf im Schafspelz“ ins Haus geholt habe.

Erwartungsgemäß viel Applaus erntete Prantl für seine bekannten Positionen zu Asyl und Direkter Demokratie. Er wetterte erneut gegen die Änderung des Grundrechts auf Asyl im Jahr 1993, gegen die er sich damals schon die Finger wund geschrieben habe. In der Debatte über Flucht und Asyl seien 25 Jahre mit Scheinlösungen vergeudet worden. Nach der großen Euphorie-Welle und den Bildern vom Münchner Hauptbahnhof, die vor 12 Wochen um die Welt gingen, sei nun große Ernüchterung eingetreten. Enttäuscht zeigte sich Prantl vor allem von CDU und CSU, denen er vorwarf, das C im Parteinamen zu verraten: die Bibel sei ein Flüchtlingsbuch par excellence.

Wie ein „Apfelbaum“ müsste auch unsere repräsentative Demokratie veredelt werden, indem plebiszitäre Äste aufgepropft werden, forderte Prantl. Eine Grundgesetzänderung, die Elemente direkter Demokratie auch auf Bundesebene einführt, sei überfällig. Diese Chance sei leider bei der Verfassungsdiskussion Anfang der 1990er Jahre verschenkt worden. Der größte Fehler sei es aber damals gewesen, die deutsche Einheit über einen Beitritt der DDR nach Art. 23 GG zu regeln anstatt gemäß Art. 146 GG eine neue Verfassung zu erarbeiten.

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