„In unserem Namen“: Gorki widmet sich mit Jelinek und Aischylos der Angst vor Überfremdung

Den stärksten Eindruck hinterlassen die pointiert-kabarettistischen Einlagen zu Beginn und am Ende von „In unserem Namen“: Orit Nahmias, die Spezialistin am Gorki für irritierende Einwürfe, fällt dem Mann vom Abenddienst das Wort ab, als er im Foyer die weiteren Ablauf des Abends erklärt. Sie habe das Stück gestern gesehen und könne nur warnen. Der Abend verderbe die Laune, sei langatmig und mache geradezu depressiv. Immer dieses Flüchtlingselend, das kenne man ja schon aus den Nachrichten zur Genüge. Am besten solle man gleich wieder gehen oder zumindest eine der Abwehrstrategien anwenden, die sie vorschlägt.

Knapp zwei Stunden später endet der Abend mit dem Auftritt von Thomas Wodianka, der seit „Small Town Boy“ und „Das Kohlhaas-Prinzip“ der Experte im Ensemble für Wut-Reden ist.

Er zitiert die Statements besorgter Bürger, die in Dresden oder Erfurt vor Überfremdung warnen und die abendländische Kultur in Gefahr sehen. Vor einem Jahr seien es die Rumänen gewesen, diese „Armutsflüchtlinge“, vor denen uns die CSU beschützte. Davor waren es die vielen Polen, seufzt er. Und davor mussten wir die Gastarbeiter aus der Türkei ertragen, fährt Wodianka genervt fort.

Richtig schlimm seien die Hugenotten, die Römer und die Zuwanderer aus Mesopotamien im Neolithikum gewesen. Sie alle hätten unsere bisherige Lebensweise zerstört und uns die Zivilisation aufgenötigt. Wer brauche schon Trinkbecher, wenn man das Wasser auch aus der Hand auflecken kann, empört sich Wodianka. Am aller schlimmsten seien aber die Fische und Amphibien, die es wagten, an Land zu kommen und die Evolution voranzutreiben. Das gehe doch wirklich zu weit und zerstöre unsere Traditionen. Die sollten doch bitte schön alle dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen sind.

Zwischen diesen beiden Kabarettnummern liegt die babylonische Sprachverwirrung. Im leergeräumten Saal (dieser von der Volksbühne ausgelöste Trend scheint Kreise zu ziehen) haben sich die Schauspieler mitten unter das Publikum gemischt. Sie versuchen, sich einen Weg zu bahnen, in unserer Gesellschaft anzukommen. Sie schreien ihre Ängste auf Russisch, Arabisch und noch weitere Sprachen heraus. Sie gehen als Parcoursläufer aus Verzweiflung im wahrsten Sinne des Wortes die Wand hoch.

In der Uraufführungs-Inszenierung von Elfriede Jelineks Text „Die Schutzbefohlenen“ führte Nicolas Stemann mit sarkastischem Witz vor, wie wir versuchen, die Flüchtlinge zu ignorieren und nach dem Unglück von Lampedusa schnell wieder zur Tagesordnung übergingen. Heute sind solche Abwehrstrategien nicht mehr möglich, das ist seit diesem Sommer und Herbst allen klar geworden. Die Flüchtlinge sind längst nicht mehr zu übersehen und fordern ihr Recht ein, wahrgenommen und fair behandelt zu werden.

Diese körperbetonte Choreographie des Regisseurs Sebastian Nübling wird durch den Auftritt von Cynthia Micas, Dimitrij Schaad und Tim Porath in Business-Kleidung, Anzug und Krawatte abgelöst: sie spielen die Anhörung vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages nach, wo sich im März 2015 Fachleute über den Paragraphendschungel des Bleiberechts stritten. Diese Passagen sind etwas zu lang geraten, da die Botschaft schnell angekommen ist. Aber dann nimmt der Abend durch das Wodianka-Solo noch mal Fahrt auf.

Statt eines Schlussapplauses klingt der Abend langsam aus. Während die ersten schon gehen, bleiben die meisten Zuschauer noch, versammeln sich in kleinen Gruppen um die Akteure dieses Abends und hören persönliche Geschichten über Flucht, Integration und das Zusammenleben in einer bunter gewordenen Gesellschaft.

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