Roland Schimmelpfennigs raunende „Wintersonnenwende“, Falk Richters fulminante Pegida-Abrechnung „Fear“

Roland Schimmelpfennig raunt in „Wintersonnenwende“ am Deutschen Theater

Jutta Wachowiak hatte bei ihrem Comeback auf der Großen Bühne des Deutschen Theaters Pech: mit Roland Schimmelpfennigs „Wintersonnenwende“, das nach der Uraufführung am „Dramaten“ Stockholm als deutsche Erstaufführung auf dem Spielplan stand, erwischte sie eine schwache Vorlage.

Der raunende Tonfall dieser kruden Mischung aus einer Prenzlauer Berg-Bashing-Komödie à la „Stück Plastik“ und einer Mahnung à la „Biedermann und die Brandstifter“ ist kaum auszuhalten.

Der Abend begann noch recht vielversprechend: gebildete Akademiker, der Schriftsteller Albert (Felix Goeser) und seine Frau Bettina, eine Filmemacherin, (Judith Hofmann) bereiten sich auf Weihnachten und den Besuch der etwas überspannten Corinna (die bereits erwähnte Jutta Wachowiak) vor. Mutter und Tochter sind sich in herzlicher Abneigung verbunden.

Die Nachricht, dass sich Corinna bis Anfang Januar in der Altbau-Wohnung einquartieren wird, weckt Vorfreude auf pointierte Wortgefechte und vergnügliche zwei Stunden im bewährten Salonkomödien-Stil, im besten Fall so zündend wie bei Yasmina Reza oder Edward Albee.

Leider fehlt schon diesem ersten Teil das nötige Temperament. Zwischen Chopin und Bachs „wohltemperiertem Klavier“ schleppt sich der Abend dahin. Statt scharf gewürzter Dialoge hören wir viel Betuliches und sehr viele ins Publikum gesprochene Regieanweisungen: in der Regel sind das Gedanken über andere Anwesende, die man aus Höflichkeit vor allem in den hier porträtierten gutbürgerlichen Kreisen lieber für sich behält. Wie der Dramaturg David Heiligers in der Einführung erklärte, war es der ausdrückliche Wunsch des Autors Roland Schimmelpfennig, dass diese Regieanweisungen gesprochen werden.

Noch schlimmer wird es aber im zweiten Teil: der ungebetene Gast Rudolph (Bernd Stempel), eine Zufallsbekanntschaft von Corinna, der ihr während der Bahnfahrt mit guten, geradezu „ritterlichen“ Manieren den Hof machte, entpuppt sich als antisemitischer, esoterisch angehauchter Rattenfänger.

Plumpe Anspielungen auf den Traum der Nationalsozialisten von einem „1000jährigen Reich“ und auf das Abtauchen vieler Nazis nach Südamerika (Paraguay wird immer wieder genannt) werden zu einer schwer erträglichen Textmasse angedickt, die mit dem Holzhammer davor warnt, dass das gutsituierte Bürgertum den Extremisten schutz- und kraftlos gegenüber steht.

Die Endzeitstimmung von Schimmelpfennigs Text schreibt Regisseur Jan Bosse im Programmheft-Interview einfach fort: „Die Zwischenzeit, in der wir leben, geprägt von der Ahnung wie der Befürchtung großer kommender Umwälzungen, wird wohl von unseren Nachfahren als Inseldasein zwischen den großen Kriegen wahrgenommen werden.“

Der Abend scheitert jedoch daran, diese These überzeugend zur Diskussion zu stellen und die geeigneten theatralischen Mittel dafür zu finden. Er kommt nicht über ein Raunen hinaus, mit dem er sein Unbehagen artikuliert. Er ist ärgerlich, vor allem für Jutta Wachowiak, die einen würdigeren Rahmen für ihr Comeback verdient hätte.

„Fear“ an der Schaubühne: Fulminante Abrechnung mit AfD, Pegida und Co.

„Hässliche hassende Frauen“ könnte das Stück heißen, ätzt Tilman Strauß. Oder „Kelle, Kuby, von Storch“ in Anlehnung an „Ritter, Dene, Voss“, legt er nach. „Aber das wollten wir Dir nicht antun, Ilse“, ruft er Ilse Ritter zu, seiner Bühnenpartnerin aus Falk Richters vorheriger Arbeit „Never Forever“, die in einer der ersten Reihen sitzt.

Es ist auch nicht notwendig, sich noch weiter den Kopf über einen alternativen Titel für die neueste Stückentwicklung von Falk Richter zu machen: „Fear“ ist die passende Überschrift für diesen zweistündigen Streifzug durch wabernde Ängste vor Islamisierung und durch Hasspredigten. Diese bunte, temporeiche Collage ist – wie wir es von Falk Richter gewohnt sind – mit tänzerischen Elementen verknüpft, für die an diesem Abend vor allem Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw zuständig sind.

„Fear“ ist eine fulminante Abrechnung mit AfD, Pegida und Co., ganz auf der Höhe der Zeit. Von Akif Pirinçcis „KZ“-Rede, die mittlerweile ein Fall für den Staatsanwalt ist, bis zu Björn Höckes Deutschland-Fahnen-Auftritt bei Jauch wurde bei den Endproben aktuellstes Zitate- und Video-Material aufgenommen.

Schlag auf Schlag geht es von einem Pamphlet zum nächsten Einspieler. Gut recherchiert werden nicht nur die bekannten Köpfe der rechtspopulistischen Bewegung zitiert, sondern Bezüge hergestellt, Netzwerke aufgezeigt und auch einige Namen genannt, die der breiten Öffentlichkeit noch nicht so bekannt sind. Zu Wort kommen natürlich die Demo-Teilnehmer, die treuherzig darauf pochen, dass sie ganz bestimmt keine Nazis seien, aber man müsse doch mal sagen dürfen…

Als diese Auseinandersetzung mit Pegida, AfD und Co. im Sommer von der Schaubühne angekündigt worden war, wähnten sich viele noch in dem Glauben, dass das Randphänomene seien, die sie nichts angingen und bald vergessen seien. Die AfD schien sich in parteiinternen Machtkämpfen vor allem mit sich selbst zu beschäftigen. „Im Sommer noch hätte Veranlassung bestanden, das Ende von Pegida zu prognostizieren. Von einer Bewegung, die Zehntausende zu mobilisieren vermochte, war eine kleine Gruppe dauerprotestierender wütender Bürger übrig geblieben“, leitete Hans Vorländer seine Pegida-Analyse in der FAZ ein.

Falk Richter und seinem Ensemble geht es darum, dass wir genau hinsehen, uns mit dem Denken und der Sprache derer auseinandersetzen, die Ängste schüren, Minderheiten beschimpfen und Hass säen. Wenn Bernardo Arias Porras zu Beginn die Haltung eines Hipsters karikiert, der lieber auf Dachterrassen feiere und Serie wie „True Detective“ gucke, weil ihn diese Proteste irgendwo in Dresden oder Heidenau doch nichts angingen, dann wird sehr deutlich: So einfach dürfen wir es uns nicht machen.

Gegen Ende drohte diesem hochtourig rasenden Abend etwas die Luft auszugehen. Aber da musste er offensichtlich noch mal Atem holen, bevor er in einer Travestie-Nummer kulminiert, die ihr Publikum auch weiter polarisieren wird: Tilman Strauß schlüpft in ein Glitzer-Abendkleid und gibt sich als AfD-Europaparlamentarierin Beatrix von Storch aus, die ihre Ahnen ihres Adelsgeschlechts beschwört und auf ihrem Schloss von nächtlichen Angstattacken vor Überfremdung geplagt wird.

„Transit“ – Monolog über eine Flucht nach dem Roman von Anna Seghers

Thorsten Hierse sitzt verloren in der Box des Deutschen Theaters Berlin. Das karge Bühnenbild beschränkt sich auf einen Stuhl und die Flasche Rosé, die der Schauspieler in den 90 Minuten seines „Transit“-Monologs leeren wird. Aus dem Hintergrund sorgt Tobias Vethake für einen Live-Musik-Klangteppich, der die Erinnerungen des Gestrandeten untermalt.

Hochkonzentriert arbeitet sich Hierse durch den Abend und nimmt die Perspektive des namenlosen Ich-Erzählers aus der Romanvorlage von Anna Seghers ein: er ist aus einem Zwangs-Arbeitslager bei Rouen entkommen und hat sich nach Südfrankreich durchgeschlagen. Mit vielen Leidensgenossen verbringt er seine Zeit vor allem mit Warten: in Konsulaten auf ein Visum, am Hafen auf ein Schiff, das die Flüchtlinge vor den Nazis in Sicherheit bringen soll, oder im Café auf eine interessante Begegnung, einen kleinen Flirt.

Während Hierse auf seinem Stuhl sitzt, einige Schritte geht, wieder zum Glas greift und aus dem Leben eines Flüchtlings berichtet, tänzelt Wiebe Mollenhauer in unregelmäßigen Abständen diagonal über die kleine Bühne: mal spielerisch tänzelnd, mal atemlos rennend. Sie spielt die Marie, ständig auf der Suche nach ihrem Geliebten, ständig zwischen mehreren Männern. Der Ich-Erzähler genießt ihre Nähe, bekommt sie aber nicht zu fassen.

Alexander Riemenschneider blieb in seiner Theaterfassung nah am Roman-Text und verzichtete auf Aktualisierungen. Das Programmheft referiert zwar Statistiken und Entscheidungsquoten des BAMF, das für die Bearbeitung von Asylanträgen zuständig ist, ansonsten vertraut der Abend aber ganz auf die Kraft der Vorlage.

„Transit“ ist ein kleiner, stiller Abend in der sehr gut besuchten „Box“, auch die nächste Vorstellung am 25. November ist bereits wieder ausverkauft.

Navid Kermani: Literarische Werkschau am Deutschen Theater

Am Deutschen Theater Berlin ist es fast schon eine kleine Tradition, den jeweiligen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels zu einer literarischen Werkschau einzuladen, erklärt Intendant Ulrich Khuon in seiner Begrüßung.

Die knapp zwei Stunden können natürlich nur einen ersten Überblick über Navid Kermanis facettenreiches Werk geben: vom Roman bis zur Reportage, vom ernsten Sachbuch bis zur ironischen, fast schon dadaistischen Anekdote lernt das Publikum auch bislang weniger bekannte Seiten von Kermani kennen.

Unter Leitmotiven wie „Geburt“, „Liebe“, „Tod“ und „Weisheit“ wurden je zwei Ausschnitte mit einander in Beziehung gesetzt und von Ensemble-Mitgliedern vorgetragen: von Ulrich Matthes, der als Hörbuchsprecher und regelmäßiger Lese-Matinee-Gastgeber für diese Aufgabe prädestiniert ist, und seinem Kollegen Timo Weisschnur, der seine Sache nicht schlechter macht. Leider wurde die Lesung wie in einem schlechten Film von den Geräuschen gestört, die ein Albtraum jedes Vortragskünstlers sind: vom quengelnden Kind bis zum klingelnden Handy wurde kein Klischee ausgelassen.

Der Abend litt außerdem darunter, dass der Schweizer Verleger Egon Ammann, bei dem Kermani „Das Buch der von Neil Young Getöteten“ veröffentlicht hat, kurzfristig absagen musste. Für ihn sprang ZEIT-Feuilletonist Jens Jessen als Kermanis Gesprächspartner ein, der es jedoch nicht verstand, mit zugespitzten Fragen ein Gespräch in Gang zu bringen, sondern sich zu oft in weitschweifigen Referaten und Interpretationen verlor.

Kermani nahm die manchmal kauzig wirkenden Ausflüge gelassen-schmunzelnd hin und erlaubte sich den Spaß, bei Jessen nachzuhaken, ob er denn Neil Young überhaupt kenne: Sein Gesprächspartner erwies sich nicht sehr trittsicher bei der Abgrenzung von Pop und Rock.

3 Gedanken zu „Roland Schimmelpfennigs raunende „Wintersonnenwende“, Falk Richters fulminante Pegida-Abrechnung „Fear“

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