Sand im Getriebe bei Premieren, Hipster-Satire beim Literaturfestival

An den Berliner Bühnen jagt weiter eine Premiere die nächste, dennoch ist noch zu viel Sand im Getriebe.

Die Zauberberg-Adaption, die Martin Laberenz am 11. September in den Kammerspielen des Deutschen Theaters präsentieren wollte, musste kurzfristig auf Mai 2016 verschoben werden.

Brecht-Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“: zähe vier Stunden am Berliner Ensemble

Einen Tag später brachte Leander Haußmann Brechts kapitalismus- und religionskritische Parabel Der gute Mensch von Sezuan auf die Bühne des Berliner Ensembles. Zähe vier Stunden lang, die nicht nur Deutschlandradio Kultur „fast qualvoll“ fand, schleppte sich die Inszenierung dahin.

An diesem matten Abend war nichts von dem Drive übrig, mit dem Haußmann und sein Woyzeck-Soldatenchor vor einem Jahr die Bühne erzittern ließen. Kaum zu glauben, dass diese ideen- und farblose Brecht-Nacherzählung vom selben Regisseur stammt, der zur letzten Spielzeiteröffnung gezeigt hat, wie ein fulminanter Theaterabend aussehen kann.

Den Guten Menschen von Sezuan kann man nach den einhelligen Verrissen getrost schnell abhaken und lieber noch mal Haußmanns Repertoire-Inszenierungen am BE besuchen, seinen Woyzeck (2014) oder seinen Hamlet (2013), der am Dienstag, 15. September, wieder auf dem Spielplan stand: Trotz einiger Kritikpunkte blieb sein Woyzeck als eine packend inszenierte, interessant zugespitzte Inszenierung mit einem beeindruckenden Händchen für den passenden Pop-Soundtrack in Erinnerung.

Christopher Nell als „Hamlet“ am Berliner Ensemble: Blutiger Amoklauf, but „death is not the end“

Mit Shakespeares Hamlet kehrte Leander Haußmann nach zehnjähriger Pause im Novembeer 2013 zurück ans BE und wirbelte gleich gehörig Staub auf. Er setzt in dieser Inszenierung alles ein, was die Theatermaschinerie hergibt. Fast über die gesamten vier Stunden bleibt die Drehbühne von Johannes Schütz in Bewegung. Es blitzt, wummert, dröhnt und donnert. Das Kunstblut spritzt, in den ersten beiden Reihen werden Decken bereitgelegt. Der zaudernde Dänenprinz wird bei Christopher Nell zum Amokläufer, der an Tarantino erinnert.

Durch das Blutbad begleitet ihn das Duo Apples in Space, die dem Abend, der sonst Vollgas gibt, mit Engelsflügeln, Gitarre, Akkordeon und dem leitmotivisch wiederkehrenden Death is not the end eine elegische Note geben. In August Wilhelm Schlegels Shakespeare-Übersetzung wird nur nach der Pause ein kurzer Fremdtext eingeflochten: die Passage aus Machiavellis Il Principe, dass ein Machthaber die Grausamkeiten gleich zu Beginn begehen solle.

So ähnlich wie diese Inszenierung von Leander Haußmann, die in einer Fechtszene kulminiert, muss man sich wohl auch die Aufführungen zu Shakespeares Zeiten im Londonder Globe Theatre vorstellen: laut, bunt, nicht jedermanns Sache, aber unterhaltsam.

„Rebel Dabble Babble Berlin“: James Franco knutscht in Volksbühnen-Video-Installation

Die Video-Installation Rebel Dabble Babble Berlin von Paul McCarthy, die noch bis 27. September an der Volksbühne zu sehen, ist leider genauso langweilig wie Der gute Mensch von Sezuan. Das Publikum wird von einem Wald aus Leinwänden empfangen. Jeder Besucher ist aufgefordert, seinen eigenen Parcours durch diese Rundum-Beschallung zu finden. Es wird lautstark geheimwerkert, geschrien und gestöhnt, in einigen Szenen ist Hollywood-Star James Franco zu erkennen.

Aus der Ankündigung erfahren wir: James Franco spielt Jungstar James Dean. Als „Meditation über Archetypen und ödipale Spannungen“ wurde das Ganze angekündigt. Man wolle hinter die Fassaden der Traumfabrik Hollywood blicken und auf „auf klassische Ikonen des Märtyrertums an, auf das Grand Guignol Theater sowie auf sexuell konnotiertes Vaudeville.“ Das Ergebnis der Bemühungen ist dürftig: Viel Lärm um Nichts. Spätestens „nach einer Dreiviertelstunde haben sich all die umgestülpten Bilder und Anspielungen ausgesprochen und ausgesehen“, fasst Doris Meierheinrich in der Berliner Zeitung zusammen.

„Rebel Dabble Babble“ erfüllt die Klischeevorstellungen von einem Volksbühnen-Abend der schlechteren Sorte voller Videobilder sich gegenseitig filmender Akteure. Ein Mix aus Reizüberflutung und inhaltlichem Leerlauf. Falls Michael Laages mit seiner Interpretation im Deutschlandfunk recht haben sollte, dass „das Gedabbel und Gebabbel (…) eine Art abendfüllender Warnung vor dem, was kommen könnte“ sein möchte, käme diese Abrechnung des Noch-Intendanten Frank Castorf mit seinem designierten Nachfolger Chris Dercon reichlich „grob-ironisch“ daher.

Für die Wut über die Entscheidung des Kulturstaatssekretärs Tim Renner, die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz in neue Hände zu geben, hat Jürgen Kuttner bei seiner Jubiläums-Gala zum 100. Geburtstag des Hauses treffsicherere Pointen gefunden.

Hipster-Satire aus New York: Adelle Waldman beim Literaturfestival

Nathaniel P., die Hauptfigur von Adelle Waldmans Roman, und seine New Yorker Hipster-Freunde kann man sich sehr gut dabei vorstellen, wie sie ihre Zeit bei solchen Video-Installationen vergeuden. Messerscharf beobachtet und pointiert formuliert rechnet Adelle Waldman in ihrem zweiten Buch, das in den USA und Großbritannien 2014 ein großer Erfolg war und auch in deutscher Übersetzung gute Kritiken bekam, mit einem beziehungsunfähigen Bohemien ab.

Bei ihrem Gespräch mit dem Moderator Bernhard Robben berichtete Waldman, dass die Formulierung „Das ist ein echter Nathaniel P.“ in manchen Kreisen bereits zum geflügelten Wort wurde, um eine Begegnung mit einem Hipster zu beschreiben: oft negativ konnotiert, aber durchaus auch annerkennend.

Die Lesung von Naomi Krauss und die gut vorbereiteten Fragen von Bernhard Robben weckten Neugier auf dieses Buch und machten diesen Abend zu einer der interessanteren Veranstaltungen des 15. internationalen literaturfestivals Berlin.

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