Dokumentartheater „El Dschihad“, talentierte Ernst Busch-Schüler in „Zwei Herren aus Verona“, „45 Years“-Ehekrise mit Charlotte Rampling und Auftakt des 15. Literaturfestivals

„El Dschihad“: Dokumentartheater ohne klaren Zugriff

Das Projekt von Claudia Basrawi und ihrem Team klingt sehr interessant: zur Spielzeiteröffnung des Ballhaus Naunynstraße wollten sie in einem Dokumentartheaterabend dem facettenreichen Begriff El Dschihad auf den Grund gehen. Ein naheliegender Gedanke in einem Jahr, das mit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo begann, in dem Meldungen über Geiselnahmen oder Zerstörungen von Kunstschätzen durch den IS einen Stammplatz in den Nachrichten haben und in dem ein Ende des syrischen Bürgerkriegs und des Leids der Flüchtlinge noch längst nicht abzusehen ist.

Dem El Dschihad-Abend ist auch einige Rechercherabeit anzumerken: aus den Archiven wurde beispielsweise ein Plan aus der Ära des deutschen Kaiserreichs ausgegraben. Max von Oppenheim wollte muslimische Kriegsgefangene in einem sogenannten „Halbmondlager“ in Wünsdorf bei Berlin mit islamistischen Ideen aufwiegeln und „die ganze mohemmadanische Welt zum wilden Aufstand entflammen“. Ausgerechnet dort, wo nur noch die Überreste einer hölzernen Moschee an die Instrumentalisierungsversuche aus dem Kaiserreich erinnern, soll demnächst ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge entstehen.

Es gäbe also genügend Ansatzpunkte für einen anregenden, lehrreichen Theaterabend. Dass das Projekt nicht gelungen ist, liegt vor allem daran, dass Claudia Basrawi, die den Abend mit einem autobiographischen Monolog eröffnet, und ihre Mitspieler Elmira Bahrami, Erdinç Güler, Mario Mentrup und Rahel Savoldelli ihr Material nicht in den Griff bekamen.

Mit gespielter Naivität stellen sie sich gegenseitig Fragen, spielen Experten-Interviews nach und springen durch die Jahrzehnte. Sie bemühen sich sehr darum, das ernste Thema möglichst komisch zu präsentieren, verheddern sich aber in einer Aneinanderreihung kleiner Schnipsel. Der Erkenntnisgewinn blieb deshalb leider gering. Schade, dieser Stoff hätte wesentlich mehr hergegeben.

„Zwei Herren aus Verona“: Ernst Busch-Hochschüler holen aus Shakespeares Frühwerk das Beste heraus

Eine schlechtere Ausgangssituation hatten die sieben Studentinnen und Studenten der HfS Ernst Busch, die unter der Regie von Veit Schubert Zwei Herren aus Verona im Pavillon des Berliner Ensemble einstudierten. Diese Komödie gehört zum Frühwerk von William Shakespeare und ist vermutlich 1590/91 entstanden. Dass dieses Stück im Gegensatz zu Othello, Hamlet oder Romeo und Julia kaum auf den Spielplänen steht, hat seine Gründe: viele Themen und Motive werden angerissen, der Schluss wirkt unglaubwürdig. Die Dramaturgin Anika Bárdos urteilte bei der Einführung im Gartenhaus, dass es sich um einen Text voller Anfängerfehler handele, weil Shakespeare zu viel gewollt habe.

Dennoch schaffen es die jungen Talente, aus diesem Stoff einen wunderbaren Theaterabend zu machen. Die Übersetzung von Frank Günther wurde auf eine knapp zweistündige Fassung klug gekürzt, ihr frischer Ton und die schnellen Rollenwechsel sorgen für eine komischen, schwungvolle Inszenierung.

Aus dem sehr guten Ensemble ragen Leonard Scheicher und Felix Strobel als Valentin und Proteus heraus: der beste Freund wird im Streit um die begehrte Frau zum Intriganten. Zwischen all den Verwicklungen um nicht abgeschickte Briefe, chancenlose Nebenbuhler, sächselnde, aus Klappen im Boden auftauchende Waldbewohner und kauzige Kammerdiener bleibt genug Raum für eine feine Charakterisierung der Hauptfiguren. Zu dem gelungenen Theaterabend trägt auch die schöne musikalische Untermalung bei. Schon bevor sich der Vorhang hebt, gibt Felix Strobel mit der Gitarre eine Kostprobe seines Könnens.

Die Zwei Herren aus Verona sind seit ihrer Premiere im Dezember 2014 ein Publikumserfolg auf der kleinen Bühne des Berliner Ensembles und bieten die Chance, vielversprechende Talente bei ihren ersten Karriereschritten zu erleben.

Kino-Starts von zwei Berlinale-Filmen: „45 Years“ und „Knight of Cups“

Außerdem starteten in dieser Woche zwei Filme in den Kinos, die am Eröffnungswochenende der Berlinale im Februar 2015 liefen.

Vor Knight of Cups kann ich leider nur warnen. Was kann denn schiefgehen, wenn Regie-Altmeister Terrence Malick, der für Thin red line 1998 den Goldenen Bären verdient hat, mit Stars wie Christian Bale, Cate Blanchett und Natalie Portman arbeitet?

Leider fast alles, wie die sich stark lichtenden Reihen bei der Pressevorführung von Knight of Cups am Sonntag Mittag im Berlinale-Palast dokumentierten. So viel Publikumsschwund war selten zu erleben…

Wesentlich besser gefiel mir 45 Years, ein Kammerspiel über ein alterndes Ehepaar. Ein Brief aus der Schweiz stellt plötzlich vieles in Frage: in einer Gletscherspalte wurde die Leiche der jungen Frau gefunden, mit der Geoff (Tom Courtenay) damals zusammen war, bis sie bei einer gemeinsamen Bergtour verunglückte. Seine Kate (Charlotte Rampling) kannte er damals noch nicht, mit ihr ist er nun jahrzehntelang – wie es scheint – recht glücklich verheiratet. Am nächsten Wochenende soll eine große Party mit vielen Freunden aus dem Dorf zum 45. Hochzeitstag stattfinden.

„Plötzlich ist der Raum voller Gespenster“, brachte David Constantine es in der Kurzgeschichte, die diesem Fim zugrundeliegt, auf den Punkt. Kate grübelt: Hätte Geoff sie auch geheiratet, wenn dieses Unglück nicht passiert wäre? Zweifel durchbohren die Routine des Alltags und stören die Feier-Vorbereitungen.

Rampling und Courtenay spielen dies glänzend, sehr minimalistisch. Es ist ein Kino-Erlebnis, die vielen kleinen fragenden, skeptischen, die Vergangenheit abtastenden Blicke und Gesten auf sich wirken zu lassen. Die Berlinale-Jury zeichnete das Duo mit den Silbernen Bären für die Besten Darsteller aus.
Der Film (Regie und Drehbuch: Andrew Haigh) kippt allerdings vor allem gegen Ende zu sehr ins Rührselige.

Trailer zu 45 Years

15. internationales Literaturfestival Berlin mit Javier Marías, Ha Jin, Michael Cunningham, Christian Brückner und Borussia Dortmund

Der spanische Bestsellerautor Javier Marías hielt nicht nur die Eröffnungsrede des 15. Literaturfestivals, sondern stellte dem Publikum auch einen kleinen Auszug aus seinem Roman „So fängt das Schlimme an“ vor, der am 24. September bei S. Fischer erscheinen soll.

Die Handlung spielt in Madrid Anfang der 1980er. Die Gesellschaft ist nach Francos Tod im Umbruch, das Scheidungsrecht wird eingeführt: ein Lichtblick für die unglückliche Ehe von Muriel und Eduardo. In ihr Leben tritt ein Regisseur, der über dem zweiten Auge eine Klappe trägt.

Dem Gespräch von Javier Marías mit Paul Ingendaay war zu entnehmen, dass es ihm vor allem wieder um die Themen Täuschung und Betrug geht. Ob daraus ein ähnlicher Erfolg wie Mein Herz so weiß (1992 im Original, 1996 auf Deutsch) wird, muss sich zeigen.

Auf der Gartenbühne des Festspielhauses in Wilmersdorf stellte Ha Jin seinen Roman Verraten vor: der Autor wurde im Norden Chinas geboren, lebt aber seit 1985 in den USA und lehrt englische Literaturwissenschaft. Über seinen neuen Roman, der im Arche-Verlag (Zürich) erschien, gehen die Meinungen deutlich auseinander.

Frank Arnold, der eine längere Passage aus der Übersetzung las, hielt anschließend ein flammendes Plädoyer für dieses Buch: Ha Jin verstehe es auf geradezu geniale Art, die chinesische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte mit der Erzählung über eine Familie zu verknüpfen. Verraten handelt von einem enttarnten Doppelagenten, der Suizid beging, und von der Identitätssuche seiner Tochter. Ganz anderer Meinung war die NZZ, für einen Thriller sei der Plot viel zu spannungsarm. Aber auch als Ersatz für ein Sachbuch tauge er kaum, da er nur bekannte Fakten wiederhole.

Ein Höhepunkt der ersten Festival-Tage war der Auftritt von Christian Brückner, der Synchronstimme von Robert de Niro. Er las eine Schlüsselstelle aus Die Schneekönigin von Michael Cunningham über einen Mann, der durch den Central Park irrt, nachdem er von seinem Lover per SMS den Laufpass bekommen hat. Diese Passage machte neugierig auf einen Roman, der jedoch nach Ansicht von FAZ und WELT schlicht überladen sei und sich in zu vielen Motiven verzettele.

Im Gespräch mit Sigrid Löffler dekliniert Michael Cunningham, der Creative Writing in New York lehrt, die vielfältigen Themen seines neuen Romans durch: er beschreibt das Kreativmilieu seiner Heimatmetropole, das sich mit prekären Jobs durchs Leben hangelt, schlägt den Bogen von der depressiven Stimmung an der liberalen Ostküste bei George W. Bushs Wiederwahl 2004 zu Obamas „Yes we can“-Wahlkampf 2008. Private Dramen von Krebs bis Trennung und Märchenmotive, die an Hans Christian Andersen anknüpfen, reichern den überbordenden Plot an.

Kann Michael Cunningham damit an seine beiden größten Erfolge The Hours und Ein Zuhause am Ende der Welt, die beide auch verfilmt wurden (2002 mit Meryl Streep und Julianne Moore bzw. 2004 mit Colin Farrell), anknüpfen?

Eine positive Überraschung der ersten Festival-Tage war der Auftritt der Autoren-Nationalmannschaft mit ihrem Sammelband Man muss ein Spiel auch lesen können. Bei jedem Heimspiel von Borussia Dortmund war in der vergangenen Bundesliga-Saison einer der Schriftsteller zu Gast: einige seit Jahren eingefleischte Borussen-Fans, andere dagegen Anhänger des FC Bayern. Die Mutigsten trauten sich in die „Wand“. Nach dem Spieltag erschienen ihre meist lesenswerten Texte (Glossen, Kurzgeschichten, Erlebnisberichte) auf der Webseite des Vereins und nun als Buch. Die Autoren-Nationalmannschaft wurde bei ihrem Auftritt auf der Großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele vom Schauspieler Joachim Król verstärkt, der sich in einem amüsanten Text an die Fahrt in das damals noch geteilte Berlin zum DFB-Pokalfinale 1989 erinnerte.

Da weniger als 48 Stunden später schon das nächste Bundesliga-Spiel anstand, tauchte der versprochene Überraschungsgast aus dem Team von Borussia Dortmund nicht auf. Als Entschädigung zog Monika Maron als Glücksfee die Gewinner von 3×2 Tickets.

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