„Gefühlt Mitte Zwanzig“: schöne Sommer-Komödie über Hipster, Stadtneurotiker und den Kunstbetrieb

Komödien über Großstadtneurotiker, vor allem solche aus New York, haben wir wahrlich mehr als genug gesehen. Woody Allen produziert sie fast wie vom Fließband. Es lohnt sich dennoch, sich auf den neuen Film von Noah Baumbach einzulassen: While we´re young (im deutschen Verleih: Gefühlt Mitte Zwanzig) folgt mit liebevollem Blick dem Mittvierziger-Paar Josh (Ben Stiller, bekannt aus gefühlt jeder zweiten US-Komödie der vergangenen zwei Jahrzehnte) und Cornelia (Hollywood-Allzweck-Waffe Naomi Watts).

Im Job läuft es nicht wirklich rund: seit zehn Jahren arbeitet Josh an einem Dokumentarfilm, der dem militärisch-industriellen Komplex auf den Grund gehen möchte, sich aber in Nebensträngen verliert und mit drögen Experten-Interviews langweilt. Als Josh seinem Vater, einem wesentlich erfolgreicheren Dokumentarfilmer, eine Rohfassung zeigt, watscht ihn dieser mit der Pointe ab: Du hast mir einen sechseinhalbstündigen Film gezeigt, den ich sieben Stunden zu lang fand. Auch privat herrscht eher Tristesse: Josh und Cornelia langweilen sich gepflegt mit einander. Man geht mal schick essen, aber spätestens um 23 Uhr ins Bett. Vom Freundeskreis der Gleichaltrigen fühlt man sich mehr und mehr entfremdet: dort dreht sich alles nur um den Nachwuchs und die gemeinsamen Mutter-Kind-Kurse der Helikopter-Eltern.

Dieser gewohnte Trott wird durcheinander gewirbelt, als der autodidaktische Nachwuchs-Filmer Jamie (Adam Driver) und seine Freundin Darby (Amanda Seyfried mal wieder als junge Verführerin) in ihr Leben treten. Josh und Cornelia sind von der selbstbewussten Frische des jungen Paares (25, 26 mögen sie sein) begeistert. Es beginnt harmlos mit gemeinsamen Unternehmungen. Bedenklich wird es, als sich Josh einen albernen Hut kauft, um im Partner-Look ebenso lässig wie sein junger Kumpel Jamie durch die Straßen des Big Apple zu radeln. Unzufrieden mit ihrem verkorksten Beziehungsleben und ihren beruflichen Misserfolgen stürzen sich Josh und Cornelia in einen Jugendwahn und idealisieren die neuen Freunde als Projektionsfläche ihrer Träume von einem aufregenderen Leben.

Regisseur und Drehbuchautor Baumbach (nach einigen Independent-Überraschungs-Hits mittlerweile auch schon 45) erzählt das mit pointierten Dialogen und hübschen Szenen, so z.B. wenn Cornelia aus dem Musik-Kurs für Kleinkinder, in den ihre Altersgenossinnen sie schleppten, mit Darby in die HipHop-Aerobic-Stunde flüchtet. Manchmal driftet es aber auch in überflüssigen Klamauk ab, wie z.B. beim schamanischen Ayahuasca-Ritual ab.

In der zweiten Hälfte bekommt die Generationen-Komödie einen doppelten Boden und befasst sich auch satirisch auf den Kunstbetrieb: Josh dämmert langsam, dass es beim Filmprojekt von Jamie einige Fragwürdigkeiten gibt. Genervt von dem Hype um den Jungstar, der geschickt neue Kontakte für sich instrumentalisiert, macht er sich an die Recherche und möchte die Blase bei einem großen Event zum Platzen bringen. Seine große Rache-Aktion wird jedoch zur Bauchlandung.

Gefühlt Mitte Zwanzig ist eine muntere Komödie für den Kino-Sommer. Auch wenn nicht alle Gags zünden, lässt sie die verschiedenen Lebenswelten sehr unterhaltsam bis zur Katharsis aufeinanderprallen und in der Schluss-Einstellung doch einiges in der Schwebe. Endlich mal eine New Yorker Stadtneurotiker-Komödie ohne Woody Allens Altherrenphantasien, wie die 3sat-Kulturzeit treffend kommentierte!

While We’re Young/Gefühlt Mitte Zwanzig. – USA 2015. – Regie, Buch: Noah Baumbach. Mit: Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver, Amanda Seyfried. – 97 Minuten. – Kinostart: 30. Juli 2015

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Über Konrad Kögler

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