Im „Archiv der Erschöpfung“: zwischen Merkel-Raute, Schreib-Blockade und Fracking-Ängsten

Die anderthalb Stunden im Archiv der Erschöpfung springen von einem trostlosen Ort zum nächsten: graue Teppiche im Bürgeramt und eine Azubine (Lisa Hrdina), die von ihrer vorgesetzten Sachbearbeiterin (Felix Goeser) sehr schnell gelernt hat, wie man Behördengänge zum Albtraum macht und sich Arbeit vom Leib hält; die Psycho-Couch, auf der Anders (Daniel Hoevels) über seine Schreibblockade klagt; das Altersheim, in dem die demente Mutter vergeblich auf den Besuch ihrer Tochter wartet.

Die pure Tristesse kippt im nächsten Moment in grotesk überzeichnete Dialoge, die mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Gelächter aufgenommen werden. Peter Thiessen (Kante) sorgt als bewährter Partner auch bei dieser Regie-Arbeit von Friederike Heller für die gefällige Hintergrundmusik. Dazwischen tritt Daniel Hoevels in klassischer Conférencier-Manier mit dem Mikro in die Bühnenmitte. So hüpft der Abend von einer kurzen Szene zur nächsten und meistert dabei auch einige Längen.

Und doch kehrt die Inszenierung immer wieder an einen zentralen Punkt zurück: Die von Umwelt-NGOs beschworenen Ängste vor dem Fracking sind hier Realität geworden. Die Erdgasbohrungen führten zu Rissen, zunächst in den tieferen Schichten, dann auch im Asphalt.

Im Archiv der Erschöpfung dient das umstrittene Fracking als Chiffre für eine Gesellschaft, die das dumpfe Gefühl hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren, sich aber nicht dazu durchringen kann, wirklich etwas zu unternehmen statt nur ein bisschen vor sich hin zu lamentieren. Dafür sind die meisten Figuren im Archiv der Erschöpfung auch viel zu lethargisch. Tschechow lässt grüßen, wenn eine Mascha durch die Kulissen geistert. Und wenn jemand doch mal versucht, die Initiative zu ergreifen, wird schnell wieder das Rollo heruntergelassen. Entweder wird er von den anderen ausgebremst oder er gibt gleich selbst wieder auf. Denn in dieser kleinen Stadt hat niemand einen Plan: Wie soll denn die erhoffte Veränderung aussehen? Ist sie überhaupt möglich?

Almut Zilcher kann die Situation mit ihrer Merkel-Raute nur kurz beruhigen. Aber irgendwann sind die Risse im Fundament nach den Erdgasbohrungen dann doch so tief, dass der Antrag beim Katastrophen-Hilfsfonds gestellt werden muss: „Vielleicht ist es gut / nicht mehr bloß auf Veränderung zu hoffen / sondern ihr nicht mehr entkommen zu können.“

Autor Sascha Hargesheimer, der an der Berliner UdK Szenisches Schreiben studiert hat, und Uraufführungs-Regisseurin Friederike Heller liefern eine gallige Zeitdiagnose, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte: nach der Premiere bei den Autorentheatertagen wurde das Archiv der Erschöpfung ins Repertoire der Kammerspiele des Deutschen Theaters übernommen, lief aber schon bei der dritten Vorstellung vor spärlich besetzten Zuschauerreihen.


Archiv der Erschöpfung
von Sascha Hargesheimer. – Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, Musik: Peter Thiessen (Kante), Dramaturgie: Claus Caesar. – Mit: Felix Goeser, Markus Graf, Daniel Hoevels, Lisa Hrdina, Peter Thiessen (Kante), Almut Zilcher. – Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause. – Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage des Deutschen Theaters Berlin: 25. Juni 2015

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