„Keiner findet sich schön“: was bleibt, wenn Fabian Hinrichs und René Pollesch mit 60 die High Heels ausziehen?

Barfuß, mit weißem T-Shirt und in Shorts kommt er auf die Bühne: Fabian Hinrichs.

Die ersten vierzig Minuten tigert er allein im Kreis und legt vor dem Publikum seine Entscheidungsschwäche offen: soll er nun auf dieses Konzert von Iggy Pop gehen und dort eine junge Studentin anflirten? Oder soll er doch lieber auf der Online-Plattform Tinder nach einer Partnerin für den nächsten Lebensabschnitt suchen? Aber wahrscheinlich wird er ja eh vor der DVD von Robocop landen und gar nicht hören, wenn es an der Tür klingelt.

Ständig dieses „Ja. Nein. Vielleicht“, das Hinrichs stellvertretend für das moderne Individuum in seinem Kopf hin und her wälzen muss: so viele Möglichkeiten zur Abendgestaltung, zur Berufswahl und bei der Suche nach dem Traumpartner. Sobald man eine Entscheidung getroffen hat, steht an der nächsten Kreuzung schon die nächste Richtungsentscheidung an.

Das Schlimmste daran: Alle wollen ein Versprechen sein, aber beim Blick in den Spiegel merkt fast jeder: Man ist ja selbst keins. Verabredet man sich dann doch, geht man sich nur auf die Nerven. Wenn man es bleiben lässt, weiß man wenigstens, dass man nichts verpasst, räsoniert Hinrichs. Aber irgendwann ist man dann wirklich kein Versprechen mehr, sondern die Zeit ließ die Schönheit verwelken.

Dieser Pollesch-Abend könnte leicht in kitschiger Tagebuch-Selbstbespiegelung versacken. Dass dies zum Glück nicht passiert, hat mehrere Gründe: Die vielen kleinen Beobachtungen am Wegesrand lösen beim Publikum oft genug ein Kopfnicken aus. Anders als frühere Pollesch-Abende, die sich an der Selbstreferentialität ihrer Diskursschnipsel-Gewitter berauschten und oft damit nervten, sich noch auf einer weiteren Metaebene zu verzetteln, blickt Keiner findet sich schön erstaunlich stringent auf das Leben. Vor allem liegt das aber an dem herausragenden Hauptdarsteller Fabian Hinrichs, der uns auf dieser Reise durch das Gehirn eines Großstadtbewohners so authentisch begleitet.

Warum geht alles sooooo schnell?? Warum kommen wir nicht zusammen?? Ich brauche jemanden! Ich brauche etwas Schönes!, ruft Hinrichs und bekommt im letzten Drittel Verstärkung von fünf Tänzerinnen und Tänzern. Im Walzer-Takt umkreisen sie gemeinsam den aufblasbaren Riesen-Teddy mit der Aufschrift „No fear“, tanzen zu den berühmtesten Klängen aus der West Side Story und singen im Sinatra-Stil eine Ode auf Schweinfurt als Alternative zur Großstadt, wo man an jeder Ecke doch wieder auf die bekannten Gesichter trifft.

Aber Pollesch und Hinrichs haben es schon vorweggenommen: Das bringt alles nichts. Denn spätestens wenn man mit 60 Jahren die High Heels in die Ecke stellt und Bilanz zieht, erkennt man: Zwischen diesen ganzen „Kackentscheidungen“ findet gar kein Leben mehr statt. In wechselnden Konstellationen drehen wir uns im Kreis und haben die richtige Abzweigung verpasst.

Diese starke Dosis Weltschmerz aus dem Hause Pollesch/Hinrichs versinkt nicht in Melancholie, sondern ist mit vielen Pointen und treffenden Beobachtungen so gut abgeschmeckt, dass sich das Publikum im ausverkauften Haus amüsiert und am Ende begeistert applaudiert.

Wenn Fabian Hinrichs und René Pollesch zum Ende der Ära Castorf die High Heels an den Nagel und tatsächlich nach Schweinfurt abwandern sollten, würden sie große Fußspuren hinterlassen. Ein solches Event wie dieses Duo muss man erst mal auf die ganz in „Stars and Stripes“-gehüllten Bretter der Volksbühne zaubern.

Deshalb: nach der Sommerpause die Zeit nutzen und hingehen. Und davor zur Einstimmung die kongeniale Fortschreibung dieses Abends von Hannah Lühmann lesen: „Es gibt etwas Schönes in diesem Gesamtalbtraum“ in der WELT

Keiner findet sich schön von René Pollesch. – Uraufführung an der Berliner Volksbühne: 24. Juni 2015. – Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Frank Novak, Ton: Tobias Gringel, William Minke, Soufflage: Katharina Popov, Dramaturgie: Anna Heesen. – Mit: Fabian Hinrichs; Tanz: Nina Baukus, Rebekka Esther Böhme, Uri Burger, Jessica Kammerer, Tobias Roloff. – Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

2 Gedanken zu „„Keiner findet sich schön“: was bleibt, wenn Fabian Hinrichs und René Pollesch mit 60 die High Heels ausziehen?

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