„Karamasow“ in den Sophiensaelen: Situationskomik mit Schneemaschine in der Hitze und virtuose Kabinettstückchen, aber reicht das für 4 Stunden?

Da Thorsten Lensing und seinem Ensemble der „Friedrich-Luft-Preis“ der Berliner Morgenpost überreicht werden sollte, wurde ihre Karamasow-Inszenierung am 4. und 5. Juli außerplanmäßig an den Sophiensaelen wiederaufgenommen.

Die Leitung des Hauses zögerte den Beginn der Sommerpause um zwei Tage hinaus und reagierte auf die Hitzewelle mit Wasserflaschen, die für das Publikum am Eingang bereit standen. Als die Schneemaschine angeworfen wurde, André Jung seinen Kopf hineinsteckte und seine Kollegen befürchteten, dass sie trotz Wollpullover in der russischen Kälte erfrieren könnten, gluckste das Publikum vergnügt. Die Situationskomik wurde vom Publikum dankbar aufgenommen, das ansonsten damit beschäftigt war, sich etwas Luft zuzufächeln.

Vor allem die prominenten Namen sorgten wohl für ein volles Haus. Wann sieht man schon mal Ursina Lardi, Devid Striesow, Ernst Stötzner und Sebastian Blomberg gemeinsam auf der Bühne? Sie wagten sich an den Versuch, eine komprimierte Fassung des Dostojewski-Wälzers Brüder Karamasow, die Regisseur Lensing gemeinsam mit dem Theaterkritiker Dirk Pilz verfasst hat, auf die fast leere Bühne zu bringen. Außer der schon erwähnten Schneemaschine gab es nur einige Tische und Stühle, den Rollstuhl, in dem Ursina Lardi über weite Strecken des Abends saß, und ein Krankenlager, das zum Totenbett wurde: fertig ist das Bühnenbild.

Die kurzen Szenen und längeren Monologe sind zugegebenermaßen virtuos. Vor allem André Jung als Hund liefert einige Kabinettstückchen. Und es war auch ein interessanter Kunstgriff, die Figuren gegen den Strich besetzen: Mme. Chochlakowa wird von Ernst Stötzner in Bluse und Rock gespielt, David Striesow gibt einen 19jährigen, den Mönch Aljoscha, und Ursina Lardi darf als 14jährige Lisa fröhlich pubertieren.

Aber über die von einer kurzen Pause unterbrochenen vier Stunden trägt dieses Konzept nicht recht. Wie Armgaard Seegers im Hamburger Abendblatt nach dem Gastspiel auf Kampnagel feststellte: „Das ist teilweise unterhaltsam, teilweise aber auch monologisch zerdehnt. Vier Stunden Theater auf einer Bühne mit kupferfarbenem Paravent, an deren Rand Holztische stehen und bei dem ab und an eine Glocke geklingelt wird, können sehr lang werden. Dagegen hilft nur stellenweise das großartige Spiel der Schauspieler.“

Karamasow nach Fjodor Dostojewski. – Textfassung: Thorsten Lensing unter Mitarbeit von Dirk Pilz. – Regie: Thorsten Lensing, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Anette Guther, Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann, Technische Leitung: Eugen Böhmer. – Mit: Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Horst Mendroch, Ernst Stötzner, Rik van Uffelen, Devid Striesow. – Dauer: 4 Stunden, eine Pause. – Premiere in den Sophiensaelen: 4. Dezember 2014

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