Ungarische Politparabel „Underdog“: Rache der Kampfhunde brennt sich ins Gedächtnis ein

Underdog, der neue Film des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó, beginnt mit einer Albtraumsequenz: ein kleines Mädchen auf dem Fahrrad, auf einer menschenleeren Straße in der Häuserschlucht einer Großstadt. Hinter ihr schießt eine Meute rasender, geifernder Hunde um die Ecke.

Nach diesen Auftaktbildern und einem harten Schnitt kommt der Film zunächst ganz harmlos daher: Katja Nicodemus fühlte sich in ihrer ZEIT-Rezension von den nächsten Passagen an einen Kinderfilm erinnert. Im Mittelpunkt stehen die 13jährige Lili (Zsófia Psotta) und ihr bester Freund, ihr Labrador-Mischling Hagen. Die Mutter muss dringend mit ihrem neuen Freund und aus beruflichen Gründen nach Australien. Tochter und Hund werden beim autoritären Vater geparkt, der gleich klarmacht, dass er von dem „Köter“ als neuem Mitbewohner alles andere als begeistert ist. Es könnte nun als sentimentale Geschichte wie Hachiko – Eine wunderbare Freundschaft (2009) weitergehen oder als Pubertätsdrama über einen Vater-Tochter-Konflikt.

Aber Mundruczó führt den Plot zielstrebig zurück auf die Straßen Budapests, mitten hinein in einen Horrortrip (Die ZEIT). Der Vater setzt den Hund auf einer der vielbefahrenen Ausfallstraßen aus. Für den Hund Hagen beginnt eine Odyssee: auf der Flucht vor Hundefängern landet er schließlich bei verschiedenen Geschäftemachern, die ihre Tiere mit allen unerlaubten Mitteln zu aggressiven Bestien abrichten, die sich in blutigen Kämpfen gegenseitig an die Kehle gehen und neben dem Nervenkitzel auch hohe Wetteinsätze garantieren. Lili macht sich auf die Suche nach ihrem Hund, legt sich dabei mit ihrem Vater und ihrem ähnlich despotischen Musiklehrer an, der seine Schüler fast so schlimm drillt wie wir es zuletzt in Whiplash gesehen haben.

Der Film spitzt sich mit Bildern, die sich ins Gedächtnis einbrennen, zu einer Politparabel zu: nicht nur Lili wehrt sich, sondern auch die Hunde. Hinter ihrem Anführer Hagen vereinen sie sich zu einer beißkräftigen, beängstigenden Kampfhund-Formation, die durch die Straßen rennt und sich an ihren Peinigern rächt. Die Anklänge an das Kinderfilm-Genre sind glänzend gefilmten Verfolgungsjagden und geballter Wut gewichen. In einem TV-Interview erzählte eine Hundetrainerin, wie aufwendig es war, bis sich die Hunde tatsächlich zu einer solchen Meute zusammenballten und als geschlossener Pulk gemeinsam losrannten.

Wie in Kornél Mundruczós Theaterarbeiten, die am Hamburger Thalia oder beim Leaving is not an Option-Festival im März 2014 am Berliner HAU zu sehen waren, treiben ihn auch hier die politischen Entwicklungen in Ungarn um. Die Botschaft seines taz-Interviews von 2014 und dieses beeindruckenden Films ist: Europa darf nicht wegschauen, wenn mitten in der EU der ungarische Premier Victor Orbán und seine Fidesz-Partei Minderheiten ausgrenzen, das Verfassungsgericht entmachten und Freiheiten systematisch eingeschränkt werden.

White God wurde im Mai 2014 beim Festival in Cannes mit dem Hauptpreis der Reihe Un certain regard, einer Fundgrube für exzellentes Autorenkino, ausgezeichnet. Es war überfällig, dass er unter dem Verleihtitel Underdog ein Jahr später auch endlich in den deutschen Kinos zu sehen ist.

Underdog. – Regie: Kornél Mundruczó. – Drehbuch: Kornél Mundruczó, Viktória Petrányi, Kata Wéber. – Darsteller: Zsófia Psotta, Sándor Zsótér, Lili Horváth. – Produktion: Proton Cinema, Filmpartners, The Chimney Pot, ZDF/Arte. – Verleih: Delphi Filmverleih. – Länge: 121 Minuten. – FSK: ab 12 Jahren. – Start: 25. Juni 2015

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Über Konrad Kögler

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