Zwei Filme in „Victorias“ Schatten: „Freistatt“ und „Die Lügen der Sieger“

Freistatt und Die Lügen der Sieger sind zwei bemerkenswerte deutsche Filme, die ein gemeinsames Problem haben: sie starteten im Windschatten kurz nach Victoria, Sebastian Schippers atemberaubender Gangster-Fahrt durch die Berliner Nacht, der bei der Deutschen Filmpreis-Gala zurecht sechs Lolas abräumte.

Es bleibt zu hoffen, dass Freistatt und Die Lügen der Sieger in diesem verregneten Frühsommer trotz der starken Konkurrenz die verdiente Aufmerksamkeit bekommen.

Freistatt ist ein starkes Regiedebüt von Marc Brummund das gleichnamige Jugendfürsorge-Heim in der Nähe der niedersächsischen Kleinstadt Diepholz. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten und wurde am Originalschauplatz gedreht: die Jugendlichen müssen als Torfstecher schuften, werden von den sadistischen Launen der christlichen Heimleitung (Alexander Held und sein Assistent Stephan Grossmann) gequält. Sie werden geschlagen, Mahlzeiten werden gestrichen, und auch noch schlimmere Abgründe tun sich auf.

Freistatt ist ein packender Film über ein düsteres Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte, die Handlung spielt in den Jahren 1968-70, als Regisseur Brummund ganz in der Nähe aufwuchs. Der Film zeigt schonungslos das Leiden der Opfer, die erst seit einigen Jahren aus dem Fonds Heimkindererziehung Entschädigungen bekommen, und ihre Ausbruchsversuche. Er führt plastisch vor, wie die Stärkeren nach unten treten. Bei aller bedrückenden Gewalttätigkeit hat er auch Momente der Hoffnung, z.B. als alle Jungen gemeinsam in das Lied I feel like a motherless child einstimmen und mit ihrem Freedom-Ruf ein Etappensieg gegen die autoritäre Heimleitung erringen.

Schon vor dem Kinostart sorgte Freistatt für Furore: er gewann beim renommierten Max Ophüls-Festival zwei Preise (Publikumspreis und Preis der Jugendjury). Wahrlich keine schlechte Ausbeute für ein Erstlingswerk des Regisseurs Marc Brummund, der mit seinem Abschlussfilm Land gewinnen in der Perspektive Deutsches Kino der Berlinale 2007 zu Gast war und seitdem nur mit TV-Serien-Episoden auffiel. Sein gelungenes Drehbuch und der Hauptdarsteller Louis Hofmann (Wolfgang) tragen diesen Film. Auch Hofmann ist eine vielversprechende Neuentdeckung. Für ihn war es nicht seine erste Kino-Hauptrolle, Hermine Huntgeburth hat den jungen Kölner bereits als Tom Sawyer in zwei Filmen besetzt. Für seine glänzende Leistung in Freistatt wurde er als Bester Nachwuchsschauspieler bei der Bayerischen Filmpreis-Gala ausgezeichnet.

Schade ist nur, dass Max Riemelt mit seiner Nebenrolle als einer der Aufseher, der zur Hälfte des Films aussteigt, diesmal blasser bleibt als wir es von ihm gewohnt sind.

Freistatt von Marc Brummund. – Mit: Louis Hofmann, Alexander Held, Max Riemelt, Katharina Lorenz, Stephan Grossmann, Uwe Bohm. – Deutschland 2015, 104 Minuten. – Kinostart: 25. Juni 2015

Nicht ganz so gelungen, aber dennoch sehenswert ist Die Lügen der Sieger von Christoph Hochhäusler. Er wagt den in Deutschland leider viel zu seltenen Versuch, jenseits der Sonntag-Abend-TV-Krimi-Konfektionsware einen Politthriller fürs Kino zu drehen, der sich an den US-amerikanischen und französischen Vorbildern der 70er Jahre orientiert.

Stilistisch ist dieses Experiment gelungen: lange Kamerafahrten an den Glasfronten des Regierungsviertels, gelungene Einstellungen von der Übergabe brisanten Materials im U-Bahnhof Hansaplatz oder vom Gedränge auf der Warschauer Brücke und die gut ausgewählte Musik schaffen eine dichte Atmosphäre. Inhaltlich bleibt dieser Thriller über Lobbyisten, die nicht nur den Wirtschaftsminister, sondern auch die Presse manipulieren, zu sehr in der Kolportage stecken.

Ein narzisstischer, wegen Spielsucht an Schulden leidender Starreporter (Florian David Fitz) stößt mit Volontärin Nadja (Lilith Stangenberg) auf einen vermeintlichen Scoop: die Bundeswehr hängt mit drin, ehemalige Afghanistan-Soldaten kamen ums Leben, ein Giftmüll-Skandal scheint sich aufzutun. Zu spät merken die beiden, wer hier die Fäden zieht, Dokumente manipuliert und sich in Computer-Netzwerke hackt.

Die Lügen der Sieger widmet sich dem vieldiskutierten Thema Lobbyismus in Berlin und Brüssel mit einem unkonventionellen Zugriff, der aber sein komplexes Thema doch nicht zu fassen bekommt und nicht über die kompletten knapp zwei Stunden trägt. Statt einer fundierten Analyse der gegenseitigen Abhängigkeiten bleibt das Drehbuch (Christoph Hochhäusler gemeinsam mit Ulrich Peltzer) zu sehr an der Beschreibung der Oberfläche und verzettelt sich in dem Hin und Her einer etwas zäh beginnenden Liebesgeschichte des Journalisten-Duos.

Volksbühnen-Schauspielerin Lilith Stangenberg hat in der Rolle des unbedarften Mauerblümchens wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Besser hat es ihre Schaubühnen-Kollegin Ursina Lardi als Strippenzieherin im Hintergrund. Ihr gehört auch eine der besten Szenen des Films: generalstabsmäßig gibt sie einem Kollegen alle Details für das Mittagessen mit dem Wirtschaftsminister vor. Sie instruiert ihn, mit welchem Tonfall er welches Small-Talk-Thema anschneiden soll und trichtert Wort für Wort ein, wie er sich langsam zum Ziel vorpirschen soll.

Solche gut verdichteten Szenen und die stilistische Brillanz sorgen dafür, dass Hochhäuslers Versuch, einen Polit-Thriller zu drehen, trotz einiger Schwächen doch sehenswert ist.

Die Lügen der Sieger. – Regie: Christoph Hochhäusler. – Buch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer. – Darsteller: Florian David Fitz, Lilith Stangenberg, Horst Kotterba, Ursina Lardi, Avred Birnbaum, Gottfried Breitfuß. – Deutschland, 2014. – Länge: 112 Minuten. – Kinostart: 18. Juni 2015

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Über Konrad Kögler

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