„Baal“: Fassbinders legendärer Auftritt in restaurierter Fassung

Berlinale-Direktor Kosslick und Kulturstaatsministerin Grütters begrüßten am Freitag Nachmittag große Namen der westdeutschen Kinogeschichte der 70er und 80er Jahre auf dem Roten Teppich vor dem Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße.

1969 lag Rebellion in der Luft, das konservative Bildungsbürgertum war von Rudi Dutschke und der Apo zwar einiges gewohnt. Die TV-Ausstrahlung von Volker Schlöndorffs (damals ein junger Regisseur, der sich mit ersten Filmen einen Namen gemacht hatte) Baal in der ARD war für viele empörte Zuschauer aber doch zu viel des Guten.

Schlöndorff bearbeitete Bertolt Brechts expressionistisches Frühwerk Baal und schrieb die Rolle Rainer Werner Fassbinder auf den wuchtigen Leib, der in der Schwabinger Kunstszene seit Mitte der 60er Jahre für Furore gesorgt hatte und ebenfalls auf dem Sprung zu einer großen Karriere stand.

Nach der Erstausstrahlung griff Brechts Witwe Helene Weigel ein, sie erwirkte ein Verbot des Films, weil der Klassenstandpunkt nicht richtig dargestellt sei. Bis vor kurzem lag Baal im Giftschrank, rechtzeitig vor der Berlinale wurde das Verbot von Brechts Erben nach langer Überzeugungsarbeit aufgehoben und der Film restauriert. Man merkt dem Film-Material noch einige Schwächen und Farbstiche an, die Sprechweise der Schauspieler wirkt auch manchmal wie auf Valium.

Dennoch war es interessant, Fassbinder, Hanna Schygulla oder Margarethe von Trotta in einer ihrer jeweils ersten Rollen wieder neu erleben zu können. Ein weiterer prominenter Stargast war Klaus Doldinger, den Schlöndorff in einer Schwabinger Jazz-Kneipe entdeckt hatte und der Hanns Eislers Lieder für diesen Film neu vertonte.

Hanna Schygulla und Volker Schlöndorff meinten im Publikumsgespräch,
dass Rainer Werner Fassbinder mit dieser Filmrolle als kettenrauchender,
menschenverschlingender, energiegeladener Baal sein eigenes
Leben fast prophetisch spiegelte. Ähnlich wie Brechts Figur schockierte
er in das Establishment, verzauberte und benutzte er seine Mitmenschen
und starb ebenfalls viel zu früh nur 13 Jahre nach der Erstausstrahlung
dieses Werks.

Ein ganz anderer Zugriff auf den Baal-Stoff war vor einigen Jahren mit Mirco Kreibich in der Titelrolle am Deutschen Theater Berlin zu sehen.

Fazit zu Baal: Eine interessante Zeitreise in die wilden 60er/70er Jahre, auch wenn Baal als narzisstisches Ekel manchmal schwer zu ertragen ist.

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2 Gedanken zu „„Baal“: Fassbinders legendärer Auftritt in restaurierter Fassung

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