NSU-Schwerpunkt bei den DT-Autorentheatertagen: Jelineks „Das schweigende Mädchen“, „mein deutsches deutsches Land“ und „Die Lücke“ in der Kölner Keupstraße

Die Autorentheatertage, das Festival für Gegenwartsdramatik am Deutschen Theater Berlin, wählten in diesem Jahr den rechtsextremistischen Terror des NSU als ihr Schwerpunktthema.

Den Auftakt der Gastspiel-Reihe machte Das schweigende Mädchen der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die mit ihren Textflächen ein regelmäßiger Gast des Festivals ist.

Ausgangspunkt ihrer Assoziationen ist der NSU-Prozess am Münchner Landgericht: Zeugen, die sich merkwürdigerweise an nichts erinnern können; andere Stimmen, die beteuern, wie sympathisch das NSU-Trio immer aufgetreten sei; die fassungslosen Eltern; im Zentrum der Richter Manfred Götzl und eine konsequent jede Aussage verweigernde Beate Zschäpe. Dies bildet den Grundstock von Jelineks jüngster Collage.

In ausschweifenden Bögen vermischt sie dieses authentische Prozessmaterial mit Gedankenfetzen und Diskursschnipseln: über Deutschland als Export- und Fußballweltmeister, über die Identitätssuche der Menschen in den fünf ostdeutschen Ländern nach der Wende, über Mythen und deutsche Geschichte. Das Ganze wird mit biblischen Motiven angereichert: Beate Zschäpe erscheint als Jungfrau Maria, die beiden Uwes (Böhnhardt und Mundlos) als Erlöser, die den nationalistischen Traum vom deutschen Reich verwirklichen sollen. Eine Christusfigur und Propheten mischen sich neben dem Richter in den vielstimmigen Chor. Gemeinsam lesen sie die Textmassen wie von einer Partitur auf Notenständern ab, begleitet von Synthesizer, Violine und Piano, inmitten eines Bühnenbildes, das an Heidegger und das menschenverachtend-rassistische Gesellschaftsspiel „Pogromly“ anspielt.

Diese schier nicht enden wollende Suada springt von Kalauern zu Allegorien und zurück, sie kreist um das entscheidende Rätsel: Wie konnte es geschehen, dass mitten in deutschen Großstädten zwölf Jahre lang eine Mordserie stattfand, die als „Dönermorde“ abgetan und deren rechtsextremistisches Motiv nicht erkannt wurde? Was ist von einem Verfassungsschutz zu halten, der die Verfassung nicht ausreichend schützt?

Johan Simons, der regieführende Intendant der Münchner Kammerspiele, kam resigniert auf eine Probe, wie bei der Einführung berichtet wurde: Dieser Text sei nicht zu inszenieren. Die Textmasse wurde zwar von 224 auf 42 Seiten gekürzt. Anders als Nicolas Stemann, der mit seinem mutigen Zugriff auf Jelineks Flüchtlingsdrama Die Schutzbefohlenen überzeugte, lässt er dem Redeschwall ansonsten freien Lauf und das Publikum mit diesem Assoziationsgewitter allein.

Das Ergebnis ist ein zweistündiges Kreisen um Ungereimtheiten und offene Fragen: ein von kurzen Momenten des Schweigens durchbrochenes Rauschen, das nicht zum Kern der Wahrheit durchdringt und sich stattdessen in die nächste Gedankenschleife flüchtet. In seiner rumpelnden Ratlosigkeit gleicht der Abend dem realen Prozess vor dem Münchner Landgericht, der nach der großen Aufregung um das missglückte Akkreditierungsverfahren seit mehr als zwei Jahren als mediales Hintergrundrauschen andauert, sich immer wieder an denselben Fragen abarbeitet und sie doch nicht zu fassen bekommt. Die Person, die am ehesten zur Wahrheitsfindung beitragen könnte, schweigt beharrlich.

Das schweigende Mädchen von Elfriede Jelinek. – Uraufführung an den Münchner Kammerspielen am 27. September 2014. – Regie: Johan Simons, Musiker: Gertrud Schilde, Salewski, Sachiko Hara, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Carl Oesterhelt, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Tobias Staab. – Mit: Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Risto Kübar, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Steven Scharf, Thomas Schmauser. – Ca. 2 Stunden, ohne Pause. – Gastspiel bei den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters Berlin am 16. Juni 2015

Auf den Jelinek-Abend folgte das Dresdner Gastspiel mein deutsches deutsches Land des bewährten Duos Thomas Freyer (Text, UdK-Absolvent für szenisches Schreiben) und Tilmann Köhler (Regie, wie bei 5 von 6 Freyer-Uraufführungen).

Knapp drei Stunden lang lassen sie ihre sechs Schauspielerinnen und Schauspieler durch einen rasanten, an die NSU-Mordserie anknüpfenden Krimi über die Drehbühne und durch 29 Rollen hetzen. Kurze, schnell geschnittene Szenen springen zwischen drei Zeitebenen hin und her: dem „Gestern“ (ein Trio aus zwei Jungen und einem Mädchen radikalisiert sich), dem „Heute“ (Morde an sechzehn ausländischen Studenten) und dem „Morgen“ (die wahren Hintergründe werden vertuscht).

Manche Motive sind direkt aus den NSU-Ermittlungen der diversen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse in die Geschichte von Sarah, Dominik und Florian übernommen. Das Grundgerüst eines Trios, das in den Untergrund abtaucht, sowieso; aber auch wesentliche Details wie eine gestohlene Polizeiwaffe. Freyer und Köhler zeichnen das Bild eines tiefverstrickten Verfassungsschutzes und eines Innenministers, die alle Aufklärungsversuche sabotieren. Besonders dick aufgetragen ist der Schluss: am Wahlabend wähnt sich der Innenminister schon am ersehnten Ziel, Kanzler zu werden. Vorher müssen aber dringend eine kritische Journalistin bestochen, Mitwisser aus dem Weg geräumt und die Täter mit neuer Identität ausgestattet werden.

mein deutsches deutsches Land provoziert mit seiner kolportagehaften, grellen Überzeichnung und seinem ausgestreckten Zeigefinger, mit dem er Schuld zuweist. Hier ist in jedem Moment klar, wer die Bösen sind. Der auf der Webseite betonte Anspruch, dieses Stück sei der „Versuch, Wege nachzuzeichnen, die in die Katastrophe führen können. Und es berichtet davon, dass die Mörder keine randständigen Außenseiter sind oder Geisteskranke, sondern dass sie ihren Weg in der Mitte der Gesellschaft begonnen haben“ kommt deshalb fast zwangsläufig zu kurz.

Mit ihrer bewussten Schwarz-Weiß-Malerei fordern Freyer und Köhler aber beim Zuschauer immerhin die neugierige Frage heraus: Wie viel Wahrheit steckt in diesem Polit-Krimi? Wie ist es mit dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ denn nun wirklich gewesen? Was spielte sich z.B. beim Heilbronner Polizistenmord oder im Internet-Café in Kassel wirklich ab? Die Untersuchungsausschüsse mühen sich weiterhin ab, diese Graubereiche auszuloten.

mein deutsches deutsches Land
von Thomas Freyer. – Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus 2: 4. Dezember 2014. – Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüm: Barbara Drosihn, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Robert Koall. – Mit: Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Thomas Braungardt, Kilian Land, Jonas Friedrich Leonhardi, Matthias Luckey. – Dauer: Ca. 3 Stunden mit Pause. – Gastspiel bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin am 17. Juni 2015

Als Fazit nach den beiden Theaterabenden Das schweigende Mädchen von Jelinek/Simons und mein deutsches deutsches Land von Freyer/Köhler bleibt: das NSU-Thema brennt den Autorinnen und Autoren offensichtlich auf den Nägeln, sie bekommen es aber noch nicht mit einem überzeugenden Zugriff zu fassen. Ist die Wunde noch zu frisch?

Ganz plastisch ist diese Wunde im Bühnenbild des dritten Gastspiels zu sehen: zwischen den weißen Sitzgelegenheiten klafft Die Lücke. Hier die drei Schauspieler Simon Kirsch, Thomas Müller, Annika Schilling aus dem Ensemble des Kölner Schauspiels: herablassende Blicke, schnöselige Gelfrisuren. Dort, auf der anderen Seite der Lücke, sitzen drei Anwohnerinnen und Anwohner der Kölner Keupstraße, verloren wirkend, die Skepsis ist ihnen deutlich anzusehen: Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir und Kutlu Yurtseven.

Regisseur Nuran David Calis lässt die Figuren in einem Kulturschock aufeinanderprallen. Gereiztheit und ständige Missverständnisse begleiten die Annäherungsversuche zwischen den beiden Welten. Annika Schilling wagt sich als erste ins gegenüberliegende Lager. Sehr freundlich, aber mit einer ihre Gesprächspartner provozierenden Mischung aus Überheblichkeit und Naivität stellen sie ihre wohlmeinenden Fragen. Als sich die Schauspieler zeigen lassen, wie man in der Moschee betet, kommt es fast zu einem Eklat: die Leute von der Keupstraße fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt und wie im Zoo ausgestellt.

Mühsam entsteht ein wirkliches Gespräch: die Fassaden der Selbstgewissheit bröckeln ebenso wie die vorgefertigten Meinungen. Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir und Kutlu Yurtseven reden sich ihre Wut von der Seele: Darüber, dass die Ermittlungsbehörden der Linie folgten, die auch Innenminister Otto Schily in der Tagesschau ausgegeben hatte: ein rechtsextremer Hintergrund sei nicht erkennbar. Es müsse sich um eine Tat im Drogen- und Mafia-Milieu handeln oder um Spannungen zwischen unterschiedlichen Religionsgruppen und Minderheiten. Das Misstrauen sitzt den Anwohnern noch heute tief in den Knochen: jahrelang wurden sie nicht nur als Zeugen befragt, sondern oft auch selbst verdächtigt. Nur einer aus dem Trio fuhr bisher zum NSU-Prozess nach München, die beiden anderen erwarten sich davon gar nichts. Ayfer Sentürk Demir, die im Reisebüro auf der anderen Straßenseite arbeitete und den Anschlag dank glücklicher Umstände überlebte, musste erst durch lange Gespräche überzeugt werden, sich auf dieses Theaterprojekt einzulassen. Zu tief saß das Misstrauen.

Am Ende sitzen sich die beiden Gruppen wieder gegenüber, die Lücke trennt sie auch weiter, aber in einer anderen Körperhaltung: Beide Seiten sind nachdenklicher und zugewandter. Eine der Stärken des Abends ist es, dass die sechs Akteure im letzten Drittel des Gesprächs die wichtigsten Ungereimtheiten des NSU-Komplexes durchgehen: die geschredderten Akten beim Bundesamt für Verfassungsschutz, den Toten im Internet-Café, den ein Zeuge nicht gesehen haben will, obwohl er am Tatort war, die Ku-Klux-Clan-Verbindungen. Alles nicht neu, aber kompakt zusammengefasst.

In nur fünf Wochen entstand dieser Theaterabend, der seine Premiere am Pfingstwochenende 2014 im Rahmen des Birlikte-Festivals hatte – zehn Jahre nach der Tat. Vor jeder Aufführung im Depot 2, der Interimsspielstätte des Kölner Schauspiels, wird das Publikum von Guides über den Originalschauplatz, die Keupstraße geführt. Beim Gastspiel in Berlin gab es stattdessen ein Nachgespräch im Saal des Deutschen Theaters: die Schauspieler hatten neben dem Regisseur und dem Dramaturgen auch die eloquente Sprecherin der IG Keupstraße und einen der Nebenklage-Anwälte aus dem NSU-Prozess mitgebracht.

Stolz erzählten sie, dass ihr Projekt tatsächlich einiges bewirkt habe. 2012 habe bei einer ersten öffentlichen Diskussion noch eisiges Schweigen geherrscht, inzwischen gebe es langsam einen Austausch mit den Anwohnern der Straße auf der rechtsrheinischen Schäl Sick im Stadtteil Mülheim, die bei den Einheimischen wegen der Zeitungsberichte über Kriminalität und Drogen lange einen schlechten Ruf hatte. Überregional kennt man Köln-Mülheim vor allem aus Harald Schmidts Gags über Ratten und Müll, die er regelmäßig in seiner gleich um die Ecke (in der Schanzenstraße) produzierten Show unterbrachte.

Die Lücke von Nuran David Calis. – Uraufführung im Depot 2 des Kölner Schauspiels am 7. Juni 2014. – Regie: Nuran Daivd Calis, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Amelie von Bülow, Musik: Vivan Bhatti, Video: Sterntaler Film / Adrian Figueroa, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Thomas Laue. – Mit: Simon Kirsch, Thomas Müller, Annika Schilling, Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir, Kutlu Yurtseven und weiteren Anwohnern und Geschäftsleuten der Keupstraße. – Ca. 2 Stunden, ohne Pause. – Gastspiel bei den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters Berlin am 19./20. Juni 2015

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