„Mania“ am Gorki: Euripides-Vorlage „Die Bakchen“ ertrinkt in Techno-Beats, Schleim und Schweiß

Wumm, wumm, wumm, Schritt nach links, Schritt nach rechts. Schon nach fünf Minuten rinnt der Schweiß in die Hipsterbärte der bedauernswerten Schauspieler, die am Ende dieses tropisch-heißen Samstags in langärmligen Sport-Klamotten zu den dröhnenden, völlig monotonen Techno-Beats tanzen müssen. Till Wonka (Dionysos) fingert sehr umständlich ein Mikro aus den Tiefen seiner Jogginghose, aber auch beim besten Willen sind nur Wortfetzen seines Monologs zu verstehen. Die englischen Übertitel, die am Gorki bei jeder Inszenierung Standard sind, helfen, die im Techno-Klang-Brei untergegangen Bruchstücke zusammenzusetzen.

Nach zwanzig Minuten greift Aleksandar Radenković durch: Soll das hier die ganze Zeit so weiter gehen? Was soll das Ganze? Einige im Publikum glucksen, da er ihnen offensichtlich aus der Seele gesprochen hat. Er verkörpert Pentheus, die Stimme der Vernunft. Die bestehende Ordnung ist durch seinen Gegenspieler Dionysos bedroht, den Gott des Weines, der Freude und der Ekstase, der alle Frauen in Theben auf seine Seite gezogen hat.

In den restlichen drei Vierteln der knapp 80 Minuten setzen die Techno-Beats immer wieder kurz aus: dann liefern sich die beiden Hauptdarsteller an der Bühnenrampe ein zähes, körperbetontes, homoerotisch wirkendes Ringen, das von Wortgefechten begleitet wird. Die Textverständlichkeit bessert sich jedoch nicht spürbar. Die anderen Mitglieder des Ensembles nutzen die verdiente Pause, um möglichst viel Wasser zu trinken oder es sich über den Kopf zu schütten.

Wie bei den Bakchen, dem antiken Drama des Euripides, von dem sich dieser Mania-Abend inspirieren ließ, mischt sich Pentheus heimlich und verkleidet in die nächste Orgie, die hier wieder als Rave daherkommt. Die Kollegen (außer Sesede Terziyan stehen nur Männer auf der Bühne) haben sich inzwischen Perücken aufgesetzt, bis auf enge, hautfarbene Kostüme ausgezogen und schütteln Arme, Köpfe und Beine ekstatisch. Es kommt, wie es kommen muss: Der Rave versinkt in Matsch und Schleim, eine glibbrige rosa Masse wird von der Bühnendecke ausgekippt und Pentheus von der eigenen Mutter, die ihn nicht erkannt hat, brutal ermordet.

Das Licht geht aus, die Beats verstummen, zurück bleibt nur das Blinken des Ballonhundes im Stil des Millionenpudels von Jeff Koons , der 2013 für mehr als 43 Mio. € versteigert wurde. Er wurde bei dieser Techno-Party am Gorki als Goldenes Kalb umtanzt. Die mittlerweile schweißgebadeten Schauspieler dürfen endlich durchatmen, die Rastalocken und Bärte von Glibber-Schleim verklebt, das Publikum reagiert bis auf eine enthusiastische Bravo-Ruferin eher verhalten.

Draußen hat es sich zum Glück um ein paar Grad abgekühlt und es ist auch ein leichter Windhauch zu spüren: Zeus konnte und wollte anscheinend nicht mehr mitansehen, was Regisseur Miloš Lolić und der für Sound und Musik zuständige Lars Wittershagen aus dem griechischen Drama gemacht haben. Zornig ließ er während der Vorstellung Blitze zucken und Donner grollen. Die Pfützen und der durcheinandergewirbelte Kies auf dem Vorplatz sind die sichtbaren Spuren seines olympischen Wutausbrauchs.

Mania frei nach Die Bakchen von Euripides, in einer Übersetzung von Simon Werle. – Regie: Miloš Lolić, Bühne: Evi Bauer, Kostüme: Jelena Miletić, Sound & Musik: Lars Wittershagen, Dramaturgie: Holger Kuhla. – Mit: Till Wonka, Aleksandar Radenković, Kostis Kallivretakis, Frank Seppeler, Aram Tafreshian, Dejan Bućin, Sesede Terziyan. – Premiere am Gorki: 5. Juni 2015. – Ca. 80 Minuten, ohne Pause

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