Ist die Welt eine trostlose Kloake? Oder lohnt es sich doch, zu kämpfen? Gorkis „Nachtasyl“ an der Schaubühne und Händels „Giulio Cesare in Egitto“ an der Komischen Oper

Wer gerne ein paar aufmunternde Botschaften mit nach Hause nehmen möchte, hat es an den Berliner Bühnen derzeit schwer: Johann Kresnik hämmerte uns in 120 Tage von Sodom an der Volksbühne ein, dass der Turbokapitalismus uns alle unterjocht. Von Stephan Kimmig wurden wir mit Farid Nagims niederschmetternder These aus Tag der weißen Blume in den Sommerabend entlassen, dass die Lage in Russland ohnehin hoffnungslos sei und trotz aller Umwälzungen am Ende alles beim Alten bleibt. Am düstersten ist aber Michael Thalheimers neue Inszenierung an der Schaubühne: er bediente sich wie Kimmig ebenfalls bei einem russischen Autor und brachte Maxim Gorkis Nachtasyl im gewohnt kompakten Format (nur 90 Minuten für das Kondensat der vier Akte) auf die Bühne.

Der Abend beginnt mit leisem Wummern, Bert Wredes Handschrift ist beim Soundtrack unverkennbar. Dieses Wummern bleibt uns 90 Minuten erhalten, „nervtötend“, schimpfte Leopold Lippert zurecht in seiner Nachtkritik. Die Monotonie dieses Klangbreis wird nur durchbrochen, wenn an einigen Stellen die Regler nach oben gedreht werden und die Bässe noch lauter wummern. Auch Olaf Altmann ist ein bewährter Mitarbeiter von Thalheimer, seine eindrucksvollen Bühnenbilder z.B. bei Medea oder den Ratten trugen dazu bei, dass Thalheimer-Inszenierungen zu einer starken Marke wurden: hohe Wiedererkennbarkeit, aber nach so vielen Jahren eben auch in der Gefahr, sich nur noch selbst zu kopieren.

Altmanns Bühnenbild verlangt den Schauspielern einiges an sportlichem Durchhaltevermögen ab. Nach und nach plumpsen sie in die Kloake: ein schlauchartiger Kanal, der mit dreckigen Rinnsalen aufgefüllt wird. Immer wieder versuchen sie, sich hochzuziehen, rutschen aber doch wieder nach ganz unten. Das Milieu ist nicht nur für Freunde bildungsbürgerlicher Umgangsformen gewöhnungsbedürftig: wenn sich die Figuren einfach nur angiften, ist das nächste Brüllduell sicher nicht mehr weit. Sie verhöhnen sich, demütigen sich, der Sadismus trieft ihnen ebenso aus allen Körperöffnungen wie manche Flüssigkeit, die mit Knigge nicht vereinbar ist.

Wie schon in Gorkis Sozialdrama, der ein pessimistisches Panorama des Elends zur Jahrhundertwende kurz vor der Oktoberrevolution zeichnete, ist die Hoffnungslosigkeit und Verkommenheit dieser Welt sehr plakativ dargestellt. Viele Rezensionen stießen sich daran und fragten, warum der Regisseur die Abgründe einer abgehängten Unterschicht so demonstrativ zur Schau stellte. In einigen Texten wurde der Abend recht schnell abgetan.

Vieles ist überdeutlich ausgepinselt und in seiner Botschaft schlicht, drei Figuren lohnen aber einen zweiten Blick: erstens der junge Pepel (Christoph Gawenda). Der Vater war schon kriminell. Welche andere Chance könnte er haben, als selbst auch kriminell zu werden? So redet er sich seine krummen Touren schön – und doch gibt es die Momente in diesem Stück, wo er ernsthaft über einen Ausweg, einen Neuanfang nachdenkt. Zweitens Luka (Tilman Strauß), der als Fremdkörper in diese düstere Welt hineinpurzelt. Ganz in Weiß gehüllt verkündet er im Predigerton Lebensweisheiten aus Ratgeberbüchern. Nur leider wird schnell klar, dass dieser Prophet auch keine Lösung anzubieten hat. Drittens vor allem Wassilisa (Jule Böwe): gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie das Nachtasyl, in dem die unglücklichen Figuren gestrandet sind. Sie ist mit Abstand das fieseste Aas und zieht sadistisch alle Strippen.

Wie kann man in dieser trostlosen Kloake überleben? Wassilisa verfährt nach der Devise: Jeder ist sich selbst der Nächste. Mit einer Mischung aus Drohungen und geschickten Manipulationen versucht Wassilissa, alle gegeneinander auszuspielen, ihren Mann aus dem Weg räumen zu lassen und doch noch ein besseres Leben zu beginnen. Als sich alle in einer Traube um den Prediger Luka scharen, bleibt sie als einzige demonstrativ fern, lauernd in ihrer Ecke. Sie keift und bezirzt, faucht und umgarnt, und das alles mit einer Stimme, für die sie einen Waffenschein bräuchte. Bei der Tonlage, mit der sie ihrem Liebhaber, der sie verlassen möchte, ein verzweifelt-beleidigtes Pepel hinterherkräht, kann man gut verstehen, dass er nur noch weg will.

Wassilisa hat den Kampf um ein besseres Leben aufgenommen, aber auch sie scheitert: gemeinsam mit Pepel landet sie unter Mordverdacht in Untersuchungshaft. Und ihr Nachfolger als Schinder der ausgemergelten, verdreckten Gestalten im Nachtasyl wird sich problemlos finden. Kein Ausweg aus dieser Kloake, nirgends!

Ebenso wie Wassilisa kämpft auch eine Frau aus einer ganz anderen sozialen Schicht um ihren Platz im Leben: als Königstochter im alten Ägypten ist sie mit dem sprichwörtlichen Löffel im Mund geboren. Die Kloaken sind außer Sichtweite ihres Palastes, aber doch hat die Kleopatra in Händels Barockoper Giulio Cesare in Egitto einiges mit der weiblichen Hauptfigur aus dem Nachtasyl gemeinsam.

Ihr jüngerer Bruder hat sie vom Thron vertrieben. In ihrem syrischen Exil steht sie vor derselben Frage wie Wassilisa: wie sichere ich mir mein Stück vom Kuchen? Wie komme ich zurück in ein besseres Leben? Auch sie ist mit einem gewalttätigen Umfeld konfrontiert: abgeschnittene Köpfe von Rivalen werden als Gastgeschenke überreicht, um neue Bündnisse zu schmieden. Kleopatras Lage scheint ähnlich aussichtslos wie die Situation von Wassilisa. Sie zieht daraus dieselbe Konsequenz: sie nimmt den Kampf auf und möchte ihr Ziel mit der macchiavellistischen Manipulation der Menschen in ihrer Umgebung durchsetzen. Unter falschem Namen schleicht sie sich bei Cäsar, dem starken Mann aus der Weltmacht Rom ein, und umgarnt ihn, bis sie heiraten.

Auf den ersten Blick scheint diese opulente Barock-Oper in der Regie von Lydia Steier an der Komischen Oper das Gegenprogramm zum Elends-Panorama in Gorkis Nachtasyl zu sein: hier ein „Happy-end“ mit der Hochzeit des Traumpaars, dort hoffnungsloses Prekariat ohne Mut und Perspektive. Hier facettenreiche Arien mit großem Orchester, dort monotones, bedrückendes Wummern. Hier Schwelgen im Prunk der Ausstattung (ein besonderer Blickfang: die drei Krokodile in ihren Vitrinen!), dort verdreckte, heruntergekommene Gestalten.

Auf den zweiten Blick tut sich auch vor Kleopatra ein gähnender Abgrund auf. Das Happy-end ist nur ein scheinbares, böse Vorahnungen werden in Bildern schon während der drei Akte an die Wand gemalt und im Libretto angedeutet. Ihr Cäsar wird von Brutus ermordet. Mit ihrer bewährten Strategie wickelt sie Marc Anton um den Finger, der jedoch den Machtkampf gegen Octavian, den späteren Kaiser Augustus verliert. Kleopatra entscheidet sich für den Suizid mit Schlangengift.

Die glänzenden Fassaden und der verschwenderische Prunk können nicht darüber hinwegtäuschen: „Wer gestern die Welt im Sturm erobert, dessen Staub liegt heute im Grab. Aus Erde geschaffen, bleibt am Ende nur Stein“, wie Cäsar mit dem abgeschlagenen Schädel des Pompejus in der Hand sinniert.

Auch in dieser Barockoper ist die Welt eine brutale, gewalttätige Kloake. Daraus gibt es kein Entrinnen: weder für Kleopatra, noch für Wassilisa!

Nachtasyl von Maxim Gorki. – Fassung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens nach der Übersetzung von Andrea Clemen. – Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider. – Mit: Jule Böwe, Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Ingo Hülsmann, Eva Meckbach, Peter Moltzen, Lise Risom Olsen, Bernardo Arias Porras, Felix Römer, David Ruland, Andreas Schröders, Alina Stiegler, Tilman Strauß. – Premiere an der Schaubühne: 6. Juni 2015. – Ca. 90 Minuten, ohne Pause

Giulio Cesare in Egitto von Georg Friedrich Händel. – Dramma per musica in drei Akten (1724). – Libretto von Nicola Francesco Haym nach dem Libretto von Giacomo Francesco Bussani. – Musikalische Leitung: Konrad Junghänel, Inszenierung: Lydia Steier, Bühnenbild: Katharina Schlipf, Kostüme: Ursula Kudrna, Dramaturgie: Johanna Wall, Chöre: David Cavelius, Licht: Diego Leetz. – Mit: Dominik Köninger, Valentina Farcas, Ezgi Kutlu, Theresa Kronthaler, Anna Bernacka, Günter Papendell. – Premiere an der Komischen Oper Berlin: 31. Mai 2015. – Ca. 3, 5 Stunden, eine Pause

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