Zu seinem 70. Geburtstag: Fassbinder an allen Ecken und Enden

Rainer Werner Fassbinder wäre am 31. Mai 70 Jahre geworden. Dementsprechend kann man dem Regie-Beserker und seinem Werk, das er in wenigen Jahren ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit auf die Kinoleinwände zauberte und auf die Theaterbühnen schleuderte, derzeit in Berlin kaum entgegen. Schon auf der Berlinale im Februar war er auf den Plakaten allgegenwärtig. Im Panorama lief die sehenswerte Dokumentation Fassbinder – lieben ohne zu fordern, eine sehenswerte Collage aus bisher unveröffentlichtem Interview-Material aus den 70ern und Zeitzeugen-Erinnerungen. Im Martin-Gropius-Bau eröffnete vor wenigen Tagen die große Fassbinder – JETZT – Schau.

Auch das Theatertreffen 2015 widmet sich mit Focus Fassbinder diesem stilprägenden Autor, Regisseur, Clan-Oberhaupt, An- und Aufreger. Neben Panels mit Jürgen Trittin, Susanne Kennedy und Hans-Werner Kroesinger über ihren Blick auf Fassbinder wurden während der zwei Festival-Wochen die aktuellen Berliner Repertoire-Inszenierungen Die Ehe der Maria Braun (Schaubühne) und Angst essen Seele auf (Gorki) aufgeführt. Außderdem war Volker Schlöndorffs legendäre Baal-Verfilmung zu sehen, wo der junge Fassbinder als Bürgerschreck wütete. Wegen Rechtsstreitigkeiten lag dieser Film lange im Giftschrank und konnte erst auf der Berlinale 2014 wieder gezeigt werden (zur Film-Besprechung geht es hier).

Ein Höhepunkt des Focus Fassbinder auf dem Theatertreffen 2015 war der Abend 17/70 – Eine Zeitreise: eine sehr persönliche Erinnerung von Hanna Schygulla an Fassbinder. Als sie von 10 Semestern theoretischem Ballast im Philologie-Studium angeödet war, folgte sie einer Freundin an die Schauspielschule in Schwabing, wo sie Fassbinder kennenlernte. Daraus entwickelte sich eine sehr enge Bindung: eine konfliktreiche Zusammenarbeit, mit Brüchen und Versöhnungen, künstlerisch hochproduktiv, die beide zu internationalem Ruhm führte.

Trotz der stickigen Enge auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele lohnte es sich für die Zuhörer, mit Hanna Schygulla auf ihre gemeinsamen Jahre mit Fassbinder zurückzublicken. Am Klavier wird sie von Stephan Kaymar begleitet, während sie frühe Gedichte und Notizen von Fassbinder rezitiert oder singt. Persönliche Erinnerungen treten neben Pop-Klassiker jener Jahre von Janis Joplin bis zu den Rolling Stones.

17/70 – eine Zeitreise – Hanna Schygulla denkt an Rainer Werner Fassbinder. – Mit Hanna Schygulla. – Musik: Stephan Kanyar. – Licht: Benoît Théron. – Regie: Alicia Bustamante. – Konzert in der Reihe Focus Fassbinder beim Berliner Theatertreffen am 8. Mai 2015

Weniger lohnenswert war das Porträt Fassbinder von Annekatrin Hendel, das seit 30. April auch im Kino läuft. Die Regisseurin ist eine Expertin für Porträts der jüngeren Zeitgeschichte und behutsames Nachfragen. Mit Vaterlandsverräter und Anderson war sie bereits zwei Mal zur Berlinale eingeladen.

Die knapp anderthalb Stunden sind eine recht lieblose, weitgehend chronologische Aneinanderreihung von Ausschnitten seiner Filme aus dem Archiv der Rainer Werner Fassbinder Foundation und kurzen Soundbites seiner prominenten Weggefährtinnen und Weggefährten, vor allem Hanna Schygulla, Irm Hermann und Volker Schlöndorff.

Was hätte wohl Fassbinder zu einem so oberflächlich dahinplätschernden Porträtfilm gesagt? Vielleicht hätte er einen seiner Wutanfälle bekommen, ziemlich sicher wäre er mit dieser Collage unzufrieden gewesen. Das meinte auch Daniel Kothenschulte in seiner Besprechung für die Frankfurter Rundschau, wo er konstatierte, dass wir Fassbinders Schaffen hier nicht wirklich näher kommen und schon gar keine neuen Facetten kennenlernen: „Kaum jemand versucht auch nur zu benennen, worin denn die künstlerische Eigenständigkeit seines Kinos liegt.“ Das ist der größte Unterschied zur assoziativen, vielschichtigeren Arbeit Fassbinder – lieben ohne zu fordern des dänischen Regisseurs Christian Braad Thomsen, die auf der Berlinale präsentiert wurde.

Fassbinder
. – Ein Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel. – 92 Minuten. – Kinostart: 30. April 2015, Premiere an der Volksbühne am 27. April 2015

Eine sehr eigenwillige Hommage an Rainer Werner Fassbinder war im Studio der Schaubühne zu sehen. Über Patrick Wengeroths Angst essen Deutschland auf gehen die Meinungen seit der Premiere weit auseinander. Mit viel Lust an Travestie, schrillen Kostümen und überzeichneten Figuren toben sich der – wie meist – selbst mitspielende Regisseur und sein Ensemble knapp zwei Stunden nach Herzenslust aus. Sie spielen Video-Ausschnitte auf der Bühne parallel nach, rezitieren Fassbinder-Texte vom Antitheater-Manifest bis zum berühmten Streitgespräch mit der Mutter im Episoden-Film Deutschland im Herbst und haben sichtlich Spaß daran. Wengenroth spielt den Fassbinder mit angeklebtem Schnauzer und offenem Hemd, Jule Böwe stolpert als Hanna Schygulla-Parodie über die Bühne, Christoph Gawenda umschlingt sich mit seinen Armen in einer grotesken Liebesszene selbst. Dem hier verehrten Meister hätte diese bunte Revue wohl sehr gefallen, aber als der letzte Gag abgefeiert ist (Patrick Wengeroth liest eine Regierungserklärung von Helmut Kohl aus Fassbinders Todesjahr 1982 und springt dann nackt aus einem Zottel-Kostüm), bleiben viele im Publikum ratlos zurück, was uns dieser Abend über „Ich will Spaß, ich geb Gas“ hinaus sagen wollte.

Angst essen Deutschland auf – Ein Blick zurück nach vorn aus der Sicht und mit den Worten von Rainer Werner Fassbinder. – Regie: Patrick Wengenroth. – Bühne: Mascha Mazur. – Kostüme: Ulrike Gutbrod. – Musik: Matze Kloppe. – Licht: Lutz Gruhlke. – Mit: Niels Bormann, Jule Böwe, Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Matze Kloppe, Eva Meckbach, Felix Römer, Patrick Wengenroth. – Premiere im Studio der Schaubühne: 13. Januar 2013. – Im Rahmen des Focus Fassbinder beim Berliner Theatertreffen am 10., 12. und 13. Mai 2015 zu sehen

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