Oscar-Favoriten Teil II: di Caprio in „The Wolf of Wall Street“

Brecht begriff die die Weltwirtschaftskrise noch als Material für sein marxistisches Lehr-Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe, bei Scorsese sind wir einen Schritt weiter. Der moralische und finanzielle Crash auf den Finanzmärkten ist in Martin Scorseses neuem Film The Wolf of Wall Street nur noch Stoff für eine – wenngleich unterhaltsame – Groteske.

Sein neuer Lieblingsschauspieler Leonardo DiCaprio, der schon zum fünften Mal (nach Gangs of New York, Aviator, Departed – Unter Feinden und Shutter Island) eine tragende Rolle bei Scorsese einnimmt und damit Robert De Niro ablöste, spielt den geldgierigen Börsenmakler Jordan Belfort, der Ende der 1980er Jahre an die Wall Street kommt. Den Zeitgeist dominierten die Deregulierungskonzepte der Chicago-Schule und Michael Douglas als prototypischer Broker in Oliver Stones Wall Street.

Zu Beginn des Films wird ein Mittagessen mit seinem Mentor Mark Hanna (glänzend gespielt von Matthew McConaughey) für den unerfahrenen Jungen vom Land zum Initiationsritus in das Denken der Finanzbranche. Die Kampfgesänge zum Getrommel auf die Brust tauchen als Leitmotiv auch an späteren Stellen des Films auf.

Für Belfort alias DiCaprio ist es der Startschuss für eine dreistündige Tour de Force, die man am besten in der Originalfassung erlebt, durch Abgründe von wachsender Gier nach Geld, Drogen und Sex. Einige Passagen geraten so drastisch, dass der Film in mehreren Ländern nur in entschärfter Fassung gezeigt werden darf.

Trotz mancher brillanter Szenen (wie Verena Lueyken in der FAZ schreibt) bleibt die Charakterzeichnung der Figur sehr eindimensional, eine psychologische Entwicklung wird ihr von Regie und Drehbuch verweigert. Für DiCaprio bietet sich die Gelegenheit, bei seiner Oscar-reifen Performance die Schraube dieser Groteske noch weitere Umdrehungen anzuziehen und dem Affen Zucker zu geben, bis das FBI dem kriminellen Treiben auf die Schliche kommt.

Der Film basiert auf der Autobiographie von Jordan Belfort, der nach seiner Haftstrafe wegen Betrugs mittlerweile wieder als Motivationstrainer arbeitet. In der letzten Szene sieht man, wie er bei einem Seminar in Neuseeland seine Verkaufs-Tricks an Leute weitergibt, die auch möglichst schnell reich werden wollen.

Uraufführung war am 17. Dezember 2013 in New York, deutscher Kinostart war am 16. Januar 2014. 

Webseite zu The Wolf of Wall Street

Nachtrag vom 3. März 2014: Der Film ging bei der Oscar-Verleihung leer aus.

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2 Gedanken zu „Oscar-Favoriten Teil II: di Caprio in „The Wolf of Wall Street“

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