Licht und Schatten bei den Arthouse-Spielfilmen im Panorama der Berlinale 2015

Charakteristisch für die Spielfilm-Auswahl im Panorama der Berlinale 2015 war, dass es häufig Pärchen von zwei ähnlichen Filmen gab, von denen nur einer überzeugte.

Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die beiden Beiträge aus Thailand:
How to win at checkers (every time) ist das gelungene Spielfilm-Debüt von Josh Kim, der als Kind von südkoreanischen Immigranten in Texas geboren wurde und nach einer Station als Journalist in Hongkong seit wenigen Jahren in Bangkog lebt. Der Film hat zwei Stärken: er versteht es, seine düsteren Themen und die harte Kritik an Korruption, Gewalt und Ausbeutung durch Prostitution in einer unterhaltsamen, aus der Sicht des pfiffigen Jungen Oak leichtfüßig erzählten Geschichte anzusprechen. Als ehemaliger Dokumentarfilmer und politischer Journalist hat Josh Kim einen präzisen Blick für Phänomene, an denen sich gesellschaftliche Missstände wie unter einem Brennglas besonders gut sezieren lassen. In diesem Film spielt die sehr manipulationsanfällige Lotterie, mit der Wehrpflichtige in Thailand rekrutiert werden, eine Schlüsselrolle. Während sich die Sprößlinge der lokalen Eliten aus Politik, Geschäftswelt und Mafia einen hinteren Platz in der Schlange erkaufen und somit beim Roulette kaum noch eine der gefürchteten roten Kugeln ziehen, müssen die Jungs aus den unteren Schichten der Gesellschaft als Kanonenfutter herhalten.

Das Gegenteil der sehr fokussierten Herangehensweise von How to win at checkers (every time) war in Onthakan/The Blue Hour, dem zweiten Film aus Thailand, zu erleben. Anucha Boonyawatana macht den typischen Fehler vieler Erstlings-Werke, zu viel aufeinmal zu wollen. Der Film kann sich nicht zwischen den verschiedenen angerissenen Motiven und Genres entscheiden, springt zwischen Mobbing-Opfer-Drama, Liebesgeschichte und Horror-Fantasy-Story hin und her. Trotz vielversprechender Bilder und Szenen, die Potenzial aufblitzen lassen, bleibt Ontahakan weit unter seinen Möglichkeiten.

Licht und Schatten gab es auch bei den beiden Filmen, die sich der rauschhaften Welt der Underground-Clubs und des Partylebens widmen:
Mit Spannung war 54: Director´s Cut von Mark Christopher erwartet worden. 1998 hatten die Weinstein-Brüder von der Produktionsfirma Miramax ihr Veto eingelegt, der Film konnte nur mit radikalen Schnitten in ca. 20 Minuten kürzerer Fassung in den Kinos veröffentlicht werden. Die Hommage an den legendären New Yorker Club, in dem in den 1970er Jahren Andy Warhol und viele andere Promis Stammgast waren, ist jedoch auch im hier als Weltpremiere veröffentlichten Director´s Cut ein oberflächlicher Film, der allzu sehr auf seinen jungen Hauptdarsteller Ryan Phillippe vertraute, dem in Hollywood anschließend nicht mehr viel gelingen sollte.

Bizarre von Étienne Faure ist zwar auch nicht vollständig gelungen, schafft es aber wesentlich besser, die Stimmung des gleichnamigen New Yorker Clubs einzufangen. Dazu tragen ein glückliches Händchen bei der Wahl der Hauptdarsteller (Model Pierre Prieur bei einem vielverprechenden Schauspieler-Debüt) und eine gute Kameraführung bei. Die rätselhaft-assoziative Story passt gut zu den individualistischen Charakteren und der Underground-Atmosphäre.

Enttäuschend waren in diesem Jahr die Independent-Filme aus den USA: Nasty Baby von Sebastián Silva, der auch eine der Hauptrollen spielt, ist eine mäßig unterhaltsame Satire auf das Milieu von Performance-Künstlern in New York, die mit ihren Anträgen bei Geldgebern scheitern und sich in der übrigen Zeit ebenso verzweifelt um eine künstliche Befruchtung bemühen. Der langatmige Film ist kein würdiger Teddy-Gewinner. Mitchell Lichtenstein ließ in Angelica zwar in einigen Momenten seinen satirischen Biss aufblitzen. Sein mit Horror- und Fantasy-Motiven arbeitendes Porträt der viktorianischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts kommt allzu betulich daher und kann nicht an Teeth anknüpfen, mit dem er 2007 im Panorama überzeugte. Der Sohn des Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein wurde als einer der Hauptdarsteller in Ang Lees Hochzeitsbankett bekannt, der 1993 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

Auch I am Michael konnte nicht ganz überzeugen: Hauptdarsteller James Franco, auf den dieser Film in langen Einstellungen fast komplett zugeschnitten ist, kann nicht über ein grundlegendes Problem in der Konzeption des Films hinweghelfen. Debüt-Regisseur Justin Kelly und sein erfahrener Produzent Gus van Sant hätten ihren interessanten Stoff, der auf einer wahren Geschichte beruht, lieber in einem Dokumentar- als in einem Spielfilm erzählen sollen. Die Wandlung des queeren Aktivisten Michael Glatze zum Pastor einer Freikirche, der Homosexualität strikt ablehnt und seinen langjährigen Partner verlässt, kommt nach einem Herzanfall etwas zu abrupt, um für das Publikum nachvollziehbar zu sein. Eine Dokumentation, die Weggefährten zu Wort kommen lässt und auch das religiöse und ideologische Umfeld der Evangelikalen in den USA ausleuchtet, wäre gewinnbringender gewesen als diese dramatisierte, nur in Ansätzen gelungene Fassung.

Mit den Themen Missbrauch und selbstbestimmter Sexualität setzte sich neben Härte (mehr dazu hier) auch Stina Werenfels in ihrer Kino-Adaption des Theaterstücks Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Autoren von Lukas Bärfuss auseinander. Der Film über eine behinderte junge Frau (Victoria Schulz), die gegen den Willen ihrer Eltern ein Abenteuer mit Peter (Lars Eidinger) beginnt und schwanger wird, wirft schwierige Fragen auf und wird beim Kinostart, der für Mai geplant ist, noch für viele Diskussionen sorgen. Überzeugend spielt vor allem Jenny Schily als Doras Mutter Kristin.

Das lateinamerikanische Kino, das schon im Wettbewerb einige Glanzlichter setzte (mehr dazu hier), war auch im Panorama mit dem Publikums-Preisträger Que horas ela volta?/The second mother aus Brasilien (über die Klassengegensätze zwischen einer Oberschichtsfamilie und ihrer Haushälterin und die selbstbewusste Reaktion der Tochter der Haushälterin) und Juan Schnitmans argentinischem Beziehungsdrama El Incendio stark vertreten. Sein Landsmann Marco Berger konnte jedoch mit seinem von Shakespeares Sommernachtstraum inspirierten, sehr versponnenen und zwischen Zeit-Ebenen und Figurenkonstellationen springenden Film Mariposa nicht an das Niveau früherer Werke wie Plan B (2009) oder Ausente (Teddy-Gewinner 2011) anknüpfen.

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