„Panorama Dokumente“ der Berlinale 2015: klare politische Haltung und Eintauchen in unbekannte Welten

In der Arthouse-Independent-Sektion Panorama der Berlinale 2015 überzeugten vor allem die Dokumentarfilme. Neben der bereits erwähnten Une jeunesse allemande über die Radikalisierung mancher 68er bis zum Deutschen Herbst 1977 (mehr dazu hier) stachen folgende Filme hervor:

Die New Yorker Polit-Guerrrilla-Aktivisten The Yes Men (Andy Bichlbaum und Mike Bonanno) kamen nach 2009 (Panorama Publikumspreis für The Yes Men fix the world) zurück nach Berlin und wurden mit gemischten Gefühlen erwartet. Würde es ihnen gelingen, ihren anarchistischen Späßen einen neuen Dreh zu geben oder würde nur alter Wein in neuen Schläuchen serviert? Glücklicherweise gelang ersteres: Der neue Film The Yes Men are revolting ist eine spannende Selbst-Reflexion der Polit-Aktivisten über ihre Arbeit. Auf einer Achterbahnfahrt sprechen sie schonungslos auch über die Momente ihres Scheiterns und ihrer Selbstzweifel wie nach dem desaströsen UN-Klimagipfel in Kopenhagen 2009, bevor der Arabische Frühling und die Occupy-Bewegung ihnen 2011 neue Kraft gaben, an die Veränderbarkeit politischer Zustände zu glauben. Gegen Ende des Films laufen die Yes Men wieder zur Hochform auf, als sie eine Konferenz des Militär- und Sicherheits-Establishments dazu bringen, einen Tanz für Erneuerbare Energien und Klimaschutz aufzuführen. Auch am Rande der Berlinale sorgten sie wieder für Wirbel, als sie die Charity-Gala Cinema for Peace während einer Laudatio von Natalie Portman stürmten und lautstark fossile Energieerzeugung anprangerten, was ihnen sofort ein Hausverbot im Konzerthaus am Gendarmenmarkt einbrachte.

Mut bewies das tschechische Fernsehen, als es die Regisseurin Veronika Lišková fragte, die Dokumentation Danieluv Svet/Daniel´s World über einen 25jährigen Literaturwissenschafts-Studenten zu drehen, der sich ausschließlich zu präpubertären Jungen hingezogen fühlt. Die Kamera porträtiert einen jungen Mann, der offen zu seiner sexuellen Veranlagung steht und für sich die Grenze zieht, dass er zwar die Nähe der Kinder sucht, aber einen sexuellen Übergriff ausschließt. Sensibel und ohne die Reproduktion von Klischees und Zerrbildern erfährt das Publikum über Daniels Träume, Hoffnungen und Ängste, die jedoch alle von der bitteren Gewissheit geprägt sind, dass seine pädophile Veranlagung eine glückliche Liebesbeziehung fast aussichtslos macht. Ein 74 Minuten kurzer, intensiver Film.

Schwächer als Tell spring not to come this year, ein Film über den Rückzug der NATO-Truppen aus Afghanistan, der den Panorama-Publikumspreis und den Amnesty-Friedensfilmpreis gewann, war Misfits, die Reise des dänischen Filmemachers Jannik Splidsboel in ein LGBT-Jugendzentrum in Tulsa, Oklahoma, einer Hochburg der Evangelikalen im amerikanischen Bible Belt. Splidsboel wurde durch einen Zeitungsartikel auf das Jugendzentrum, das symbolisch zwischen zwei Kirchtürmen eingezwängt ist, aufmerksam. Bei seiner Recherche blickt er aber zu wenig über den Tellerrand der Weltsicht und des Alltags seiner 15-19jährigen Hauptfiguren hinaus. Wenn er seine Interview-Ergebnisse in einen breiteren Kontext eingeordnet hätte, wäre der Film für das Publikum noch interessanter und lohnender geworden. So bleibt er in – teilweise interessanten – Momentaufnahmen stecken.

Ein zu früh verstorbener Meister des deutschen Autorenkinos wurde von seinem dänischen Kollegen und Weggefährten Christian Braad Thomsen in der No-Budget-Doku Fassbinder – Lieben ohne zu fordern gewürdigt. Thomsen kramte alte Interview-Aufnahmen, die er mit dem damals – wie so oft – akut erschöpften Rainer Werner Fassbinder in einem Hotel am Rande des Festivals von Cannes führte, vom Mai 1978 aus seinem Archiv heraus. Ungewöhnlich offen sprach Fassbinder damals über prägende Kindheitserfahrungen, seinen cineastischen Stil und Zukunftspläne. Angereichert mit Zeitzeugen-Interviews von damals und heute sowie mit Filmausschnitten seiner wichtigsten Werke entsteht eine liebevolle Collage der Stärken und Schwächen Fassbinders. Leider ist die Anordnung des Materials in neun Kapiteln nicht immer nachvollziehbar, sondern oft recht assoziativ, dies ändert jedoch nichts daran, dass Fassbinder-Kenner neue Facetten kennenlernen und Neueinsteiger einen ersten Überblick über sein gewaltiges Schaffen bekommen. Irm Hermann, die auf der Leinwand die interessantesten Interview-Passagen über eine lebenslang sehr schwierige, verletzende, aber dennoch enge Beziehung zu Fassbinder beisteuerte, konnte bei der Premiere im Berliner Kino International nicht dabei sein, da sie mit Christoph Marthaler für eine Theater-Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg probte.

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