Jaques Offenbachs Antiken-Travestie „Die schöne Helena“ als unterhaltsam-bunte Spielzeit-Eröffnungs-Premiere an Barrie Koskys „Komischer Oper“

Helena ist eine der zentralen Figuren der griechischen Mythologie und eine der großen weiblichen Opferfiguren der klassischen Weltliteratur. Ihre Entführung durch Paris war der Auslöser für den Trojanischen Krieg, den Homer in seinen beiden Epen Ilias und Odyssee besang.

Jaques Offenbach riss diesen Stoff vor 150 Jahren aus der Schatzkiste altphilologisch belesenen Bildungsbürgertums heraus und machte die Schöne Helena zu einer wilden Antiken-Travestie. Die Dramaturgin Johanna Wall beschreibt im sehr lesenswerten Programmheft der Komischen Oper Berlin die kulturgeschichtlichen Hintergründe: Mitte des 19. Jahrhunderts schossen die Theater in Paris geradezu aus dem Boden. Den Bourbonen war diese Kreativität und künstlerische Freiheit jedoch zutiefst suspekt, da sie mit ihrem autoritär-restaurativen Second Empire schwer vereinbar waren. Das Herrscherhaus versuchte, die Kunst mit strengen Vorgaben zu reglementieren.

In dieser historischen Situation entwickelte Jaques Offenbach in der Nische eines kleinen, von ihm gegründeten Theaters die neue Kunstform der Operette. Im Gewand von Komödie und Parodie sollte dem verknöcherten, kleingeistigen politischen Establishment der Spiegel vorgehalten werden. Besonders gerne nutzte Offenbach dafür Figuren und Motive aus der antiken Mythologie: Mit Orpheus in der Unterwelt feierte er 1858 – sechs Jahre vor der Schönen Helena – den ersten großen Erfolg.

Die schöne Helena ist noch aus einem zweiten Grund kulturgeschichtlich interessant: Offenbach bürstete die bisherige Lesart der Figur völlig gegen den Strich. Aus dem wehrlosen Entführungsopfer wird eine selbstbewusste Frau, die zwischen zur Karikatur verzerrten Männern (v.a. ihr Gatte Menelaos ist als bedauernswerter Tropf dargestellt) ihr Leben selbst in die Hand nimmt und sich von Paris gerne aus der Langeweile ihrer Ehe befreien lässt. Eine Frau, die mit Ironie und frechen Sprüchen auf ihre Selbstbestimmung pocht, war für damalige Verhältnisse geradezu revolutionär.

Wie spielt man dieses Stück aber heute, anderthalb Jahrhunderte später, unter völlig anderen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen? Der regieführende Intendant Barrie Kosky inszeniert das Stück als grell-bunte Farce. Temporeich und unterhaltsam jagt das Ensemble durch eine lustvolle Parodie des Mythos, die vom Publikum mit Szenen-Applaus belohnt wird.

In einem Interview im Programmheft beschrieb Kosky seine Herangehensweise als „Abfeiern des Nonsens gemischt mit Erotik.“ Den Nonsens garantieren die Dialoge der schrägen Figuren, die Erotik bringt Kosky mit seinen Tänzern in rückseitig tief ausgeschnittenen bayerischen Lederhosen und lasziven Choreographien ins Spiel. Allerdings hält Kosky dieses Konzept nicht hundertprozentig durch: im 3. Akt, der im Seebad Nauplia spielt, tauchen die sechs Männer plötzlich in großväterlich anmutender, hochgeschlossener Badebekleidung auf, wo nach Koskys bisheriger Regiehandschrift eher String-Tangas zu erwarten wären.

Einen amüsanten Einfall hatte Kosky mit seinen mehrfach eingestreuten Motiven aus Wagner-Opern wie z.B. das Donnermotiv aus Rheingold. Ältere Ehepaare schreckten hoch und blickten sich ungläubig an, da sie sich plötzlich im falschen Stück wähnten. Diese Einsprengsel sind ein bewusster Seitenhieb gegen den Herrscher über die Monumentalopern auf dem Bayreuther Grünen Hügel, der Offenbachs leichtfüßige Unterhaltung regelrecht hasste.

Die schöne Helena von Jaques Offenbach. – Regie: Barrie Kosky. – Premiere an der Komischen Oper war am 18. Oktober 2014.

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Über Konrad Kögler

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