„Wir sind jung. Wir sind stark“: was geschah 1992 in Rostock-Lichtenhagen? – Eine Kino-Zeitreise von Burhan Qurbani

Burhan Qurbani war im August 1992 elf Jahre alt, als die Krawalle vor einem Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen tobten. Er verfolgte den Gewaltausbruch aus mehreren hundert Kilometer Entfernung vor dem Fernseher in Nordrhein-Westfalen, wo er als Sohn afghanischer Flüchtlinge aufgewachsen ist. „Ich habe mich gewundert, ich habe auch Angst bekommen, dass Menschen, die aussahen wie meine Nachbarn, plötzlich Menschen, die aussahen wie ich, angegriffen haben. Weil es eben nicht Glatzen und Bomberjackenträger und ideologische Neonazis waren, die da vor dem Haus standen, sondern Menschen, die aus der Mitte der Gesellschaft kamen. Das hat mich damals verstört“, beschreibt Qurbani seine Erinnerungen.

2010 wurde Qurbani mit seinem ersten Spielfilm Shahada in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Gleich danach begann er mit den Recherchen für sein neues Filmprojekt: Wir sind jung. Wir sind stark ist in Zusammenarbeit mit arte und der ZDF-Redaktion Das kleine Fernsehspiel entstanden. Es ging Qurbani darum, die zu dieser Zeit weniger beachteten Themen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt zurück ins öffentliche Bewusstsein zu holen, wie er in einem Interview sagte. Heute, nach der Aufdeckung der NSU-Mordserie und angesichts der wöchentlichen Demonstrationen, die das Abendland vor seiner angeblichen Islamisierung retten wollen, ist dem Film und seinem Thema die nötige Aufmerksamkeit sicher.

Die ersten 3/4 des Films halten den Zuschauer mit strengen Schwarz-Weiß-Bildern auf Distanz: die Handlung folgt dem Alltag einiger Protagonisten, einer Vietnamesin, eines Kommunalpolitikers und einer Teeanger-Clique, die zwischen schüchternen Flirts und neonazistischer Agitation nach Orientierung suchen. Allen Figuren ist eines gemeinsam: die Sehnsucht nach Sicherheit, das Gefühl, den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Einige Passagen sind etwas zu lang geraten, unter dem Strich erleben wir aber eine interessante Sozialstudie, die es sich bei der Suche nach Antworten, warum Jugendliche aus allen Schichten der Gesellschaft und erwachsene Anwohner in jenem Sommer zu einer ausländerfeindlichen, rassistischen Menge verschmolzen, nicht zu einfach macht.

In der letzten halben Stunde legt Qurbani den Schalter um: Schwarz-Weiß weicht dem Farbbild, mit dem ersten Molotowcocktail beginnt eine Gewaltspirale. Angestachelt von den johlenden Zuschauern stürmt die Neonazi-Clique in das Wohnheim und demoliert, was nicht schon Opfer der Flammen wurde.

So entsteht ein packendes Politdrama, das in den Hauptrollen mit Devid Striesow (als alleinerziehender Vater und SPD-Kommunalpolitiker) und Jonas Nay, der bisher vor allem in TV-Rollen aufgefallen ist, (als Stefan) sehr gut besetzt ist.

Wir sind jung. Wir sind stark. – Regie: Burhan Qurbani. – Deutschland, 2015. – 128 Minuten. – Kinostart: 22. Januar 2015

Dieser Beitrag wurde unter Filmkritik abgelegt am von .

Über Konrad Kögler

In unserem Kulturblog schreibt /e-politik.de/ – Autor Konrad Kögler Rezensionen über Film, Theater, Lesungen, Gespräche, Kabarett, Konzerte, Oper und Tanz. Außerdem gibt es auf dem Twitter-Account @daskulturblog Hinweise auf Lesenswertes in Feuilletons und politischen Magazinen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.