Lars Eidinger als „Tartuffe“: Thalheimer-Einstand an der Schaubühne

Von der Tartuffe-Inszenierung an der Berliner Schaubühne bleiben einige starke Szenen in Erinnerung: Olaf Altmann, seit vielen Jahren Wegbegleiter und Bühnenbildner von Regisseur Michael Thalheimer. stellt einen wuchtigen Kasten auf die ansonsten – wie bei den beiden üblich – kahle Bühne. Als dieser Kasten langsam in Schieflage gerät und sich am Ende wie ein Hamsterrad oder eine Waschmaschinentrommel immer schneller dreht, kriecht Orgons Familie wimmernd am Boden. Nur Tartuffe (Lars Eidinger) schreitet aufrecht durch das Gewusel. Erst in diesen Momenten kommt der Abend nach knapp anderthalb Stunden auf der Zielgeraden ganz bei sich an.

Der Zusammenbruch einer Familie, die einem Heuchler und Blender auf den Leim gegangen ist und alle Warnzeichen ignoriert hat, weil sie in ihrer Erlösungssehnsucht anscheinend nicht anders handeln konnte, wird hier bildstark umgesetzt und mit hämmernder, monumentaler Sakralmusik von Bert Wrede, einer weiteren festen Größe im Thalheimer-Team, unterlegt. Bis dahin verliert sich der Abend in überzeichneter Komik, die einige Beobachter an Herbert Fritschs Volksbühnen-Ästhetik erinnerte. Dieses Grimassieren und Zucken, vor allem von Luise Wolfram als Mariane und Tilman Strauß als Valère, die ihre Figuren als debile Lachnummern darstellten, ist man von Thalheimer nicht gewohnt. Er ist bekannt für seine Tragödien, die er in minimalistischer Spielweise bis auf ihren Kern freilegt.

Nach seinem Wechsel als Hausregisseur vom Deutschen Theater an die Schaubühne  hat er mit diesem für ihn ungewohnten Regiestil das zweite Mal überrascht. War es sein Ziel, aus der Schublade herauszuspringen und nicht zur "Marke" für eine bestimmte Art von Theater zu erstarren? Falls ja, war er dabei nicht gut beraten. Die Momente, an denen die Inszenierung unbedingt komisch sein will, kippen in Blödeleien.

Dass der Abend dennoch halbwegs gelungen und interessant ist, liegt neben den eingangs beschriebenen Szenen auch an den Schauspielstars, die dieses Stück tragen. Lars Eidinger zuzusehen ist immer ein Ereignis. Diesmal gibt er eine wilde Mischung aus Kurt Cobain, Jesus Christ Superstar, Ewan McGregor in Peter Greenaways Pillowbook und Robert de Niro in Martin Scorseses Cape Fear. Ingo Hülsmann, auch ein Neuzugang von der Reinhardtstraße am Lehniner Platz, gibt den Orgon als despotischen Patriarchen, der in seiner Hingabe an seinen Guru Tartuffe, dem er all seinen Besitz überschreibt, jeglichen Bezug zur Realität verliert.

Bemerkenswert ist, dass Thalheimer seinem Wechsel ins Komödienfach wohl doch nicht so recht traut. Dafür spricht das Finale dieses Abends. Anders als bei Molière taucht hier kein Polizist als Deus ex machina auf, der im Auftrag des Königs alles zum Guten wendet. Hier bleibt die Familie verloren, Judith Engel tritt an die Rampe und seufzt Mein Gott, warum hast Du mich verlassen. Was würde Molière zu diesem Schluss sagen? Er liegt vermutlich näher an seiner ersten Tartuffe-Version, die 1664 zum Skandal und verboten wurde. Erst fünf Jahre später wurde der Tartuffe in der aus Reclam-Heften bekannten klassischen Form aufgeführt.

Die Premiere war am 20. Dezember 2013.

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