„Aus der Zeit fallen“: Israelisches Requiem am Deutschen Theater

Harte, bleierne Kost ist Andreas Kriegenburgs Uraufführung von David Grossmans Aus der Zeit fallen. Der Dramaturg Claus Caesar warnte schon bei der Stückeinführung im Saal: Dreieinhalb Stunden wird das Publikum mit einer Art Requiem konfrontiert, ohne klar erkennbare Handlung und psychologische Entwicklung der Figuren. Eine lange, düstere Totenklage um verstorbene oder abwesende Kinder, in einer klaustrophobisch-dunklen Höhle. Matthias Neukirch schlurft barfuß über den knirschenden Sand auf der Drehbühne, im Lauf des Abends folgen ihm die anderen Schauspieler in einer Trauerkarawane.

Das Hauptproblem des Abends ist, dass diese monotone Totenklage nicht berührt. Sascha Krieger hat es in seinem Blog auf den Punkt gebracht: „Statt den sperrigen Text sichtbar zu machen, ihm Raum zum Atmen zu geben, türmt er Pathos auf Pathos, Schwere auf Schwere und erstickt damit dieses eigentlich so nahe wie tief gehende Klagelied.“

Empfehlenswert ist das Programmheft des Abends, das die autobiographischen und politischen Hintergründe der Inszenierung beleuchtet, die auf der Bühne zeit- und ortlos in undefinierbaren Zwischenwelten schwebt: Der seit Jahrzehnten andauernde Nahostkonflikt ist das Lebensthema des Schriftstellers David Grossman. In seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober 2010 beschreibt er eindringlich, wie sehr der Kreislauf der Gewalt und die ständige Furcht vor Terror und Krieg das private Leben überschatten. Ihn belastet besonders, dass Israel auch sechs Jahrzehnte nach der Staatsgründung keine klaren, von allen Seiten anerkannten Grenzen hat: „Wer keine klaren Grenzen hat, gleicht einem, in dessen Haus die Wände sich fortwährend bewegen; einem, der keinen festen Boden unter den Füßen hat.“

Der Krieg im Nahen Osten brach 2006 auch mit brachialer Gewalt in Grossmans Familie ein. Er saß bereits seit drei Jahren an seinem Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht über eine Frau, die in ständiger Furcht lebt, dass ein Bote an der Tür klingeln und ihr die Nachricht überbringen könnte, dass ihr Sohn gefallen ist. Sie flieht, damit sie die schreckliche Nachricht, falls sie denn kommt, nicht erreichen kann. Eine Woche nach einem Friedensappell, den Grossman gemeinsam mit Amos Oz und anderen Kollegen verfasst hatte, wurde sein Sohn Uri in den letzten Stunden des Libanon-Krieges getötet.

„Wenn einem Menschen ein Unglück widerfährt, hat er das Gefühl, im Exil zu sein. Er wurde vertrieben von allem, worauf er früher vertraute und baute, von allem, was er glaubte, von der gesamten Geschichte seines Lebens“, beschreibt Grossman seine Gefühle in der Friedenspreis-Rede. Ähnliche Worte legt er auch Matthias Neukirch bei seiner Odyssee über die Drehbühne in den Mund. Aus der Zeit fallen, ein schmaler Band, der auf Deutsch im Januar 2013 erschien, ist ein kleiner Baustein in Grossmans seit Jahren andauernder Trauerarbeit, die er sich von der Seele schreibt.

Auf der Bühne wird daraus ein schwer zu ertragender Abend, zur Pause lichteten sich die Reihen deutlich.

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