Püppi. Die Krönung: Putin – Monteverdi – Crossover an der Neuköllner Oper

Die Neuköllner Oper hat sich mit einem klaren Konzept im Windschatten der drei großen Opernhäuser etabliert: Mit Esprit und Witz werden Stoffe des klassischen Repertoires gegen den Strich gebürstet, interessante politische und gesellschaftliche Bezüge herausgearbeitet.

So wundert es auch nicht, dass an der Karl-Marx-Straße aus Poppea, der Titelfigur von Claudio Monteverdis Barockoper L´incoronazione di Poppea der Schnauzer-Mischling Püppi (zu Beginn kurz auf der Bühne, später nur noch in Videoaufnahmen) an Neros Seite wird und die Band ?Shmaltz! die Arien und Ritornelli der Vorlage mit einem wilden Mix aus Balkan-Pop auf Akkordeon, Banjo, Zimbal und Posaune variiert.

Püppi. Die Krönung. Nach Monteverdi nimmt die turbulente, intrigenreiche Handlung des Originals auseinander und setzt die Bausteine zu einer unterhaltsamen Farce zusammen, in der grelle Karikaturen dominieren, wie Tagesspiegel und Berliner Zeitung bemängelten.

Hauptangriffspunkt des Abends ist Putins lupenreine Demokratie, Gerhard Schröders entlarvende Charakterisierung der Autokratie seines Gazprom-Kumpels taucht einmal auch auf den Video-Bildschirmen auf, die sonst Püppi vorbehalten sind. Das berüchtigte, homophobe neue Gesetz, das Propaganda von nichttraditionellen sexuellen Beziehungen in Anwesenheit Minderjähriger verbietet und weltweit für Schlagzeilen sorgte, wird in einem interessanten Regieeinfall verfremdet: Nachdem Nero von seiner Frau verlassen worden ist, untersagt er, dass Liebespaare öffentlich Händchenhalten oder sich gar küssen. Auf den Umgehungsversuch, dass Paare sich zukünftig an den Ohren halten, verhindert er durch Abhacken dieser Körperteile.

Vieles an diesem Abend, den Barbara Rucha (Arrangement/Komposition), Kriss Rudolph (Text) und Hendrik Müller (Inszenierung/Choreographie) gemeinsam konzipierten, ist drastisch, manche politische Bezüge sind nicht ganz schlüssig oder wirken zu gewollt. Das große Plus des Abends sind die schwungvolle Musik von ?Shmaltz!, die sich aus Mitgliedern der 17 Hippies, The Hinking Sinking Ladies oder Rotfront zusammensetzen, und die Adaption von Monteverdis Schluss-Duett Pur ti miro, die auch hier ein gelungenes Finale einleitet.

Die Neuköllner Oper

Weitere Informationen und Termine

Die Premiere war am 10. Oktober 2013.

Dieser Beitrag wurde unter Oper abgelegt am von .

Über Konrad Kögler

In unserem Kulturblog schreibt /e-politik.de/ – Autor Konrad Kögler Rezensionen über Film, Theater, Lesungen, Gespräche, Kabarett, Konzerte, Oper und Tanz. Außerdem gibt es auf dem Twitter-Account @daskulturblog Hinweise auf Lesenswertes in Feuilletons und politischen Magazinen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.