Vor Weihnachten neu im Kino: der Western „The Homesman“ und das Schauspieler-Alpen-Drama „Sils Maria“

In der letzten Woche vor Weihnachten brachten die Verleihfirmen zwei weitere Filme aus dem Wettbewerb von Cannes 2014 in die Kinos.

The Homesman ist alles andere als ein klassischer Vorweihnachts-Wohlfühl-Film, sondern harte Autorenkino-Kost. Tommy Lee Jones bleibt auch in seiner zweiten Regiearbeit nach Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada dem Western noir-Genre treu.

In seinem düsteren Road-Movie erzählt er den abenteuerlichen Trip der alleinstehenden Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) und des Outlaws George Briggs (von Tommy Lee Jones selbst verkörpert) in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Nebraska an die Ostküste der USA. Gemeinsam sollen sie drei Frauen, die an den Außenposten der Zivilisation psychisch zusammengebrochen sind, in eine Krankenstation bringen. Durch kurze Rückblenden können die Zuschauer erahnen, welche traumatischen Erfahrungen, wie z.B. Vergewaltigungen, die drei Frauen zerbrechen ließen. Aber auch die anderen Figuren sind wortkarg und seelisch verhärtet.

Lange, panoramahafte Einstellungen führen in die Welt des Mittleren Westens Mitte des 19. Jahrhunderts ein, nach einer interessanten Exposition übersteht die Reisegruppe einen überraschenden Bruch in der Handlung, bis das letzte Drittel des Films mehr und mehr zu einer One-Man-Show des Regisseurs, Drehbuchautors (nach einer Romanvorlage von Glendon Swarthout) und Co-Hauptdarstellers Tommy Lee Jones wird.

The Homesman hat starke Szenen und ist bemüht, den Konventionen und Ritualen des Western-Genres eigene Akzente entgegenzusetzen. Dennoch gehört er aus meiner Sicht nicht zu den besten Filmen des Jahres.

The Homesman. – Regie: Tommy Lee Jones. – USA, 2013. – 122 Minuten. – Kinostart: 18. Dezember 2014

Die Wolken von Sils Maria polarisiert sehr stark. „Was für ein schlechter Film“, schimpften zwei Besucherinnen vor dem Kinosaal. Es gibt tatsächlich einige Punkte, die ein breites Publikum vor den Kopf stoßen könnten: Regisseur Olivier Assayas nimmt sich Zeit, sehr viel Zeit für sein Drama über das Altern einer Schauspielerin und verletzte Gefühle. Auch Dietmar Dath bemängelte in der FAZ, dass die Handlung über weite Strecken nicht vom Fleck komme. Das selbstreferentielle, postmoderne Spiel, das um eine Neuverfilmung eines zwanzig Jahre alten Films kreist, der in der Realität gar nicht existiert, mag für viele ein paar Pirouetten zu viel drehen. Natürlich gerät auch die symbolisch aufgeladene Sehnsucht der Hauptfiguren nach dem Naturschauspiel der titelgebenden Wolken von Sils Maria, die sich bei bestimmten Wetterlagen wie eine Schlange über den Maloja-Pass ins Engadin winden, an die Grenze zum Kitsch.

Dass dieser Film dennoch sehenswert ist und als Ganzes funktioniert, wenn man sich auf ihn einlässt, liegt daran, dass wir es hier mit Meistern ihres Fachs zu tun haben: Der französische Regisseur Olivier Assayas hat sein Können als Drehbuchautor und Regisseur schon mehrfach unter Beweis gestellt. Als langjähriger Redakteur der Fachzeitschrift Cahiers du Cinéma verfügt er auch über das nötige Rüstzeug, sein komplexes Gebilde eines Films im Film so in der Schwebe zu halten, dass die Ebenen spielerisch ineinander greifen und verschwimmen. Ekkehard Knörer hat die Doppelbödigkeit der Figuren und das raffinierte Prinzip von Die Wolken von Sils Maria in der taz sehr gut auf den Punkt gebracht: „Sie fallen aus der Rolle in den Text des eigenen Lebens und dann zurück ins Stück, bis man als Zuschauer kaum mehr weiß, wo das Stück endet, das Leben beginnt, zumal die Konstellation von Stück und Film sich immer ähnlicher werden, ohne sich je ganz zu gleichen. Spielen sie, oder spielen sie, dass sie spielen? Wissen sie in jedem Moment selbst, wer sie sind, was sie tun? Oder ist gerade das Verwischen des Unterschieds der entscheidende Punkt?“

Diese Rechnung konnte aber nur aufgehen, da Assayas seine Hauptdarstellerinnen klug auswählte: auf der einen Seite Juliette Binoche, die das europäische Autorenkino vor allem in den neunziger Jahren z.B. mit Kieslowskis Drei Farben: Blau bereichert hat; auf der anderen Seite Twilight-Hollywood-Popcorn-Kino-Star Kristen Stewart, als junge Assistentin und Probenpartnerin der alternden Diva. In Erinnerung wird vor allem die Szene bleiben, in der Assayas seine beiden Protagonistinnen nach dem gemeinsamen Kinobesuch an der Bar über die sehr unterschiedlichen Kinostile, für die auch Binoche und Stewart exemplarisch stehen, streiten lässt. In dieser Szene kristallisiert sich der Grundkonflikt der Figuren.

Bemerkenswerte kleine Rollen spielen Angela Winkler (als Witwe eines Regisseurs), Hanns Zischler (als früherer Schauspielpartner und Rivale) und vor allem Lars Eidinger als junger Theaterregisseur Klaus Diesterweg.

Die Wolken von Sils Maria. – Regie: Olivier Assayas. – Frankreich/Schweiz/Deutschland 2014. – 124 Minuten. – Kinostart: 18. Dezember 2014

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Über Konrad Kögler

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