Zwiespältige Eröffnung zwischen Langeweile und Krisendrama


Wong Kar Wai
ist sicher ein würdiger Jury-Präsident für die 63. Berlinale. Er hat die internationalen Festivals als Regisseur und Drehbuchautor in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereichert und maßgeblich dazu beigetragen, dass Hongkong ein interessanter Farbtupfer auf der Landkarte des Weltkinos ist. So weit, so gut. Bei ihrer Entscheidung, zur Eröffnungsgala gleich noch den neuesten Film des Jurypräsidenten zu zeigen, bewiesen die Berlinale-Chefs allerdings kein gutes Gespür.

The Grandmaster (im Original Yi dai zong shi) entpuppt sich als recht zäher Genre-Mix aus Melodram und Martial Arts-Film. Die Eröffnungsszene ist schön choreografiert und gefilmt, bei strömendem Regen wirbeln die kämpfenden Körper artistisch durch die Luft. Aber schon nach zehn Minuten fallen meinem Sitznachbarn die müden Augen zu. Aus seinem verdienten Mittagsschläfchen wird er leider in regelmäßigen Abständen herausgerissen, weil entweder neue Unruhe entsteht, als sich frustrierte Kinobesucher durch die engen Reihen zum Ausgang schieben oder weil auf der Leinwand nach blutleeren Dialogen wieder lautes Kampfgeschrei losbricht. 

Zwar auch kein filmästhetischer Meilenstein, aber eine lohnenswerte, sehr subjektive Momentaufnahme aus Griechenlands Schuldenkrise ist I Kóri (Die Tochter) von Thanos Anastopoulos, von dem man bisher in Deutschland kaum etwas gehört oder gesehen hat. In einem aufrüttelnden Rachedrama entführt die 14-jährige Myrto den kleinen Sohn eines Geschäftspartners ihres Vaters. Der Film zeichnet ein realistisches Bild der prekären Lage in Griechenland: Die Schreinerei von Myrtos Vater steht vor dem Ruin, er ist vor dem Schuldenberg geflohen, die Mutter vergnügt sich mit ihrem neuen Lover. In kurzen Sequenzen werden einige Aspekte der Misere in die fiktionale Handlung eingebaut: die Schwarzarbeit, die Korruption, die wütenden Protestdemonstrationen. Vor diesem Hintergrund spielt sich ein Thriller ab, der handwerklich solide erzählt wird. Myrto sucht einen Sündenbock für die ausweglose Lage, "die Krise schickt ihre Kinder ins moralische Niemandsland", bringt es Bernd Buder im Programmheft auf den Punkt. 

Das Publikum folgte dieser Erzählung aus der Schulden- und Gewaltspirale, die viel Stoff für Diskussionen bietet, sehr still und aufmerksam. Dieser Film ist in der Reihe Forum des internationalen jungen Films zu sehen.

Enttäuschend war auch der Eröffnungsfilm des Panorama: Chemi sabnis naketsi des Georgiers Zaza Rukadze ist ein belangloses Erstlingswerk. Die spannendste Frage ist, warum er überhaupt ins Festivalprogramm genommen wurde. Liegt es daran, dass der Regisseur früher Mitarbeiter der Berlinale war?

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Über Konrad Kögler

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