Martin Schulz zu Gast bei Gregor Gysis Matinee am Deutschen Theater: Alkoholexzesse, Anekdoten und Europabegeisterung

Bei dieser Konstellation war es fast vorprogrammiert: wenn zwei der profiliertesten und scharfzüngigsten Redner aus der politischen Arena aufeinandertreffen, ist der Zeitplan kaum zu halten. Erst nach 2,5 Stunden bogen Gregor Gysi und sein Gast Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, auf die Zielgerade ihrer Matinee im Deutschen Theater ein. Trotz Überlänge wurde das Gespräch nicht langweilig, da Schulz sehr offen und authentisch über seinen Werdegang berichtete und dem Linken-Fraktionschef Gysi schlagfertig Paroli bot.

Die ersten Lacher erntete Schulz, als er sehr anschaulich über seine Familie berichtete: am Küchentisch zogen heftige Gewitter auf, sobald das Gespräch auf Politik kam. Sein Vater stammte aus einer sozialdemokratischen Bergarbeiterfamilie, die Mutter war leidenschaftliche Anhängerin der katholisch-wertkonservativen Zentrumspartei, die vor allem im Rheinland tief verwurzelt war, und gründete nach dem Zweiten Weltkrieg die CDU mit. Sobald jemand in der Familie Schulz den Namen des SPD-Kanzlers Willy Brandt in den Mund nehmen wollte, empörte sich die Mutter über die dritte Ehe des Mannes, den Martin Schulz und seine Geschwister als Hoffnungsträger verehrten.

Während seiner Spitzenkandidatur zur Europawahl wurden seine Alkoholexzesse, unter denen er mit Anfang 20 aus Frust über eine Sportverletzung und die gescheiterte Gymnasial-Karriere litt, so breit thematisiert, dass hier wohl schon jeder im Publikum Bescheid wusste. Erst mit Hilfe eines älteren Bruders, der bis vor kurzem als Arzt praktizierte, und eines ehemaligen Lehrers wurde er „trocken“ und begann eine Buchhändlerlehre. Mit 30 Jahren schaffte er es in der Kleinstadt Würselen bei Aachen zum jüngsten Bürgermeister der Region, der von den alteingesessenen Honoratioren sehr skeptisch beäugt wurde.

1994 sicherte er sich ein Mandat im Europaparlament und kniete sich als Hinterbänkler in wichtige Themen wie die Bekämpfung der Mafia und die Aufklärung der belgischen Pädophilie-Affäre um Marc Dutroux. Im Sommer 2003 wurde er auf einen Schlag bekannt, als er im Europaparlament dem damaligen EU-Ratspräsidenten Silvio Berlusconi in einem Wortgefecht entgegentrat. Schulz erklärte bei dieser Matinee die Hintergründe: dieser Eklat ereignete sich nicht aus heiterem Himmel, sondern war der Kulminationspunkt der jahrelangen Bemühungen von Schulz, die Verstrickungen von Berlusconi aufzudecken, dessen Immunität aufheben zu lassen und zu verhindern, dass einer der engsten Vertrauten des langjährigen italienischen Ex-Premiers auf einen wichtigen Parlamentsausschuss-Vorsitz kommen könnte.

Aufschlussreich waren auch die Schilderungen von Martin Schulz über die Auswahl des Portugiesen José Manuel Barroso als EU-Kommissionspräsident nach der Europawahl 2004. Gerhard Schröder und Jaques Chirac hatten sich auf den belgischen Liberalen Guy Verhofstadt. Doch der britische Premier Tony Blair, der spanische Premier José María Aznar und die deutsche Oppositionsführerin Angela Merkel legten ihr Veto ein und setzten den konservativen Politiker durch, der sich an der Koalition der Willigen für George W. Bushs Irakkrieg beteiligt und wenige Tage vor Beginn dieses Feldzugs den umstrittenen Azoren-Gipfel organisiert hatte.

Nach diesen interessanten Ausflügen in die jüngere Zeitgeschichte wiederholte Martin Schulz gegen Ende seine bekannten Positionen: sein flammendes Plädoyer für europäische Solidarität mit den südeuropäischen Krisenstaaten, seine Warnung vor der Überwachung durch Geheimdienste und sein Hohes Lied auf das Europäische Parlament als Motor für eine demokratisch stärker legitimierte und besser funktionierende Europäische Union.

Der nächste Gast der Reihe Gregor Gysi trifft Zeitgenossen wird am 11. Januar 2015 der Schauspieler Ulrich Matthes sein.

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