Theatertreffen 2012: Szenisch erlesen

Vor dem Haus der Berliner Festspiele baumelt ein Transparent, mit dem die Berliner „Ernst Busch“ Schauspielschule auf ihre Raumnot aufmerksam macht. Anders als bei der ARD steht der Ruf nach passenden Ausbildungs- und Proberäumen hier unangefochten in der ersten Reihe. Denn beim Berliner Theatertreffen vom 4. bis 21. Mai 2012 versammeln sich die, denen die Bühnenbretter die Welt bedeuten. Restkarten sind rar, die in Berlin verstreuten Spielstätten erfüllt vom Plaudern und Prosten alter Bekannter, beteiligter Profis und Kritiker oder kritischer Zuschauer.

Zwischen(s)panischer Fliege am Donnerstag und acht Stunden Faust am Samstag stehen am Freitagabend des 11. Mai zwei von fünf auserwählten Stückemarkt-Stücken auf dem Programm, auserwählt aus 325 Einsendungen.

Zerstörungslust und einige Prisen Salz

Am Anfang steht die Rede von der Zerstörung, die aber bei so viel sprachlicher Dekonstruktion und eingeschriebenem Nihilismus zunehmend erbauliche Züge annimmt. Fünf Schauspieler sitzen auf einer Tribüne den Zuschauern gegenüber, ausgerüstet mit dem Skript Jonas Jagow von Michel Decar (1987), mit mehreren Packungen Jodsalz und mit sichtlichem Spaß beim szenischen Lesen. Regieanweisungen werden konsequent publik gemacht: „Jonas Jagow will Berlin zerstören, zerstört aber immerzu sich selbst“ , so die Erläuterung zu Szene 9.

Doch ganz so einfach ist es nicht: Zwar schwingt unser Protagonist wütende Reden, philosophiert dann aber für Nina, die Frau auf der anderen Seite der Telefonleitung oder des Betts, über flüchtige Gedanken und die Schwerkraft von Herzkörpern. Zwar wird gesoffen, geraucht und geschimpft, wie es sich für realitätsnahes Theater zu gehören scheint, doch auf der Strecke bleibt hier so richtig keiner. Selbst der Meteorit, gerade mal „groß genug ein Wolfsrudel zu töten“, schweift nur kometenhaft durch die lose Szenenfolge. So ist der angerichtete Schaden in etwa so schwerwiegend wie die eingestreuten Bestrafungstaten, wenn der Protagonist sich selbst, Nina und Konsorten oder das Publikum verschwenderisch mit Salz berieselt. Dass dabei Substanz entsteht und Freude aufkommt, liegt sowohl am Tempo und ironischen Zwinkern der Darsteller als auch an Michel Decars Text.

Michel Decar (Foto: Hans Goedecke)Sprachlich gewitzt gewendet

Der Autor (Foto: Hans Goedecke)hat Berliner Szenen, die das Leben schrieb, nicht nur gut beobachtet, sondern zieht auch sprachlich alle Register. Alles ist drin und dabei, von Schillers Räubern bis Andreas Baader, Moritz Bleibtreu und Andritz Bleiber, die sich laut Hauptfigur J.J. allesamt ficken können oder „halt endlich machen“ sollen. Mit unserem Helden finden wir uns am Potsdamer Platz und in einem Weddinger Bus wieder, oder (Szenenanweisung)…

„…in einem alten Luftschautzbunker, der früher einmal eine U-Bahn Station war, jetzt aber ein illegaler Technoclub ist, tagsüber jedoch als Galerie fungiert, in der manchmal Lesungen stattfinden, aber meistens Führungen für Touristen, die sich für illegale Technoclubs interessieren.“

Wie eine gute Anleitung zum Überleben endet das Fragment lapidar und fast versöhnlich mit den Worten „wohnen und warten“. In der Kassenhalle des Festspielhauses geht es dagegen nach kurzer Pause gleich weiter.

Polnisches Stimmungsbild in einem Stück

Julia Holewińska (Foto: Tomasz Szerszen)Die Bühne ist umgebaut, auf dem Podest hat sich eine Gruppe Schauspieler eingefunden, um Fremde Körper von Julia Holewińska (Foto: Tomasz Szerszen) zur Aufführung zu bringen. Es ist die Geschichte eines polnischen Widerstandskämpfers, der sich im Kreise seiner Mitstreitern, der gläubigen Gattin Maria und des „Sohnemann“ Lech doch immerzu als Frau im falschen Körper fühlt. In Zeitsprüngen erzählt die Warschauer Dramatikerin, was zwischen 1984 und heute geschah. Im unabhängigen Polen erleben wir Adam als Eva, dank eines chirurgischen Eingriffs und krebskrank nach einer Hormonbehandlung. In einer wenig toleranten freien Gesellschaft ist sie der Fremdkörper.

Doch während Jana Schulz und Matthias Bundschuh eindringlich als Adam und Eva überzeugen, wirkt das Skript teils allzu ausdrücklich und ausbuchstabiert. Von Katholizismus bis Katyn scheint kaum ein polnisches Thema unberührt und bei Netzstrümpfen und Wodkaströmen auf dem Podium auch ungebrochen. Ungeachtet dessen hat die Warschauerin Julia Holewińska ein gelungenes Stück kritischen Theaters geschrieben. Entsprechend werden beim Autorengespräch zwei junge, viel versprechende Dramatiker gefeiert.

 

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