Osterchoral auf Isländisch

Während andere am Ostersonntag suchten und fanden, waren die Organisatoren des Northzone Festivals offenbar weniger erfolgreich: Die DVD der angekündigten Musik-Dokumentation Backyard, „a realisation and celebration of Reykjavík’s creative spirit“, blieb verschollen. Auf eine Kostprobe dieses isländischen „schöpferischen Geistes“ mussten die Besucher des Lido an diesem Abend in Berlin-Kreuzberg dennoch nicht verzichten.

Árstíðir live und in FarbeStatt des ursprünglich geplanten Films läuft nun eine Dokumentation über die Band Árstíðir, gefolgt vom Auftritt der Truppe selbst – live und ganz in Farbe. Trotz gewisser Längen im Leinwandprogramm hat diese Dopplung ihre Reize. So lernt die überschaubare Zuschauerschar die sechs jungen Männer kurz vor ihrer Berlin-Premiere rasch noch namentlich kennen, macht sich ein Bild von ihrem Proberaum-Idyll und von Reykjaviks Straßen, wo in der dunklen Jahreszeit völlig andere Songs entstehen als im Sommer und, wo die jungen Musiker auch gerne ganz ohne Mikrophone auf engstem Raum vor Freunden auftreten.

Das folgende Konzert ist dann allerdings alles andere als unplugged: Ein Klangteppisch aus Gitarre, Piano, Cello und Violinen mischt und ergießt sich voll, verstärkt und mit Nachhall durch den anfangs spärlich, dann immer besser gefüllten Zuschauerraum. Den Indie-Folk der jungen Musiker und ihre sechs ausgezeichneten Stimmen begleitet der Mann am Licht mit einem Farbspektakel, das eigenen Regeln folgt. So erscheint die Bänd in gesättigten Farben und rotierende Ornamentprojektionen durchkreuzen immer wieder die Tonspur.

Dabei trägt die Musik auch ganz für sich: Kraftvoll setzen die Streicher rhythmische Akzenten oder enden mit kammermusikalisch barocken Schlusstakten. Der Mann am Klavier, der für Geld auch Hochzeiten klanglich begleitet, wie er später verrät, entführt seine Zuhörer auf der Bühne mit zarter Stimme und perlendem Anschlag. Hin und wieder legen die Sechs ihre Instrumente beiseite und sorgen mit altertümlichen a cappella Gesangseinlagen für Highlights. „Ich arbeite hier schon seit fünf Jahren, aber kein Konzert hat mich so bewegt wie das heute“, lautete das Fazit der jungen Barfrau nach drei Zugaben, kurz vor Mitternacht beim Ausklang mit der Band am CD-Stand. Im Sommer wird Árstíðir zurück sein mit dem aktuellen zweiten Album, in Berlin und auf Deutschlandtour.

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