The Reluctant Revolutionary im Arabischen Frühling

Der Jemen lag in den vergangenen Monaten eher im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich zunächst auf Tunesien und den Tahrir-Platz, dann auf Libyen und aktuell vor allem auf Syrien und Ägypten richtet. Immerhin war der Jemen parallel zum Berlinale-Auftakt wieder kurz in den internationalen Schlagzeilen: Das eindrucksvollste Pressefoto des Jahres wurde bei den Protesten gegen den autokratischen Staatschef Saleh aufgenommen.

Seit Jahren hatte der Jemen ein denkbar schlechtes Image: Als armer, von Rivalitäten zwischen Clans zerrissener Nachbar der ölreichen Golfmonarchien und Zufluchtsort von Al-Qaida wurde der Staat auf der Arabischen Halbinsel, wenn er nach neuen Entführungen westlicher Touristen oder neuen Drohnen-Angriffen der CIA mal wieder kurz ins Blickfeld geriet. Sean MacAllister wollte im Auftrag der BBC über Kais berichten, der als Hotelbesitzer und Reiseführer unter den instabilen Verhältnissen besonders leidet. Die Aufnahmen in McAllisters Dokumentation The Reluctant Revolutionary zeigen eine reizvolle Gebirgslandschaft, die dazu prädestiniert wäre, Besucher anzulocken.

Genau in den Beginn der Dreharbeiten platzten die Selbstverbrennung in Tunesien. Binnen Wochen flammten fast übrerall in Nordafrika und Arabien Proteste gegen die feudalen Strukturen und die Chancenlosigkeit der Jugend auf. McAllister nutzte die Chance, änderte sein Konzept und begleitete seinen Protagonisten durch die Umbruchszeit. Wie der Filmtitel schon verrät, will Kais zunächst nichts damit zu tun haben, als er von einem Protestcamp in der Hauptstadt Sanaa hört. Er nimmt die jungen Leute nicht ernst, die nach dem Vorbild des Tariert-Platzes dort ausharren und ihre Schuhe gegen die Großbildleinwand werfen, als Salehs Rede dort übertragen wird.

Kais kaut lieber Khat, die landestypische Droge, und sorgt sich um seine private Existenz: Das Hotel musste er schliessen, mit der Miete für das Reisebüro ist er seit Monaten im Rückstand und seine Frau droht, ihn zu verlassen. Mit verwackelten Handkameraaufnahmen filmen McAllister und Kais heimlich die ersten Demos, noch recht distanziert, für Kais ist das nicht mehr als ein Reiseführer-Job.

Die Stimmung kippt, als die Sicherheitskräfte am Friday of Dignity brutal auf die Proteste einknüppeln und es zu zahlreichen Toten und Verletzten kommt. Jetzt positioniert sich auch der unpolitische Kais klar auf der Seite der Regimegegner, als er hautnah miterlebt, wie Freunde und Nachbarn schwer verletzt werden.

The Reluctant Revolutionary ist ein gelungener Auftakt zur Dokumentarfilmreihe der Berlinale. Zur Premiere brachte der Regisseur auch seinen Hauptdarsteller Kais mit. Er berichtete, dass Saleh mit einigen Finten und Scheinangeboten im Amt bleiben wollte, schließlich aber doch nach 33 Jahren zurücktreten musste. Aktuell ist die Situation dort erstaunlich ruhig, man erwartet mit Spannung die ersten freien Wahlen.

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