Xavier Dolans fünfter Streich „Mommy“: in Cannes ausgezeichnetes ADHS-Drama

Xavier Dolans im August gestarteter Film Sag nicht, wer Du bist läuft noch in einigen Programmkinos, da läuft auch schon bundesweit seine fünfte Regiearbeit bundesweit an.

Die Berliner Zeitung rühmte Dolans neues Werk Mommy als intensivsten Film des Jahres. Es lässt sich darüber streiten, ob dieser Superlativ angebracht ist. Auf jeden Fall handelt es sich aber um einen bemerkenswerten Film, in dem sich die charakteristische Handschrift des erst 25 Jahre jungen franko-kanadischen Meisterregisseurs deutlich wiedererkennnen lässt. Einmal mehr beeindruckt Xavier Dolans Gespür für ausdrucksstarke Bilder, die er gemeinsam mit seinem Kameramann André Turpin fand, und der passenden musikalischen Untermalung (vom Oasis-Britpop-Hit Wonderwall bis zu Lana del Reys Born to die). Diese Ausnahmebegabung stellte Dolan bereits mehrfach unter Beweis. Er wurde dafür auch zurecht von der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Grand Prix 2014 ausgezeichnet. Für viele war Mommy auch der große Favorit für den Hauptpreis, die Goldene Palme, die jedoch an den türkischen Film Winterschlaf ging.

In Dolans neuem Film Mommy kommt aber zu den gewohnten Qualitäten noch hinzu, dass er überzeugend mit dem neuen quadratischen 1:1-Bildformat spielt. Die meisten Szenen sind in der klaustrophobischen Enge der Vorort-Siedlungs-Wohnung von Diane (Die) Després und ihrem Sohn Steve angesiedelt. Dazu passt das neue, stark komprimierte Format, in das die kammerspielartige Handlung des Melodrams gepresst ist, sehr gut. Effektvoll weitet sich der Bildausschnitt immer dann auf die gesamte Leinwand, wenn die Handlung zu emotionalen Höhepunkten wie dem großen Finale ansetzt.

Dolan arbeitete in diesem Film mit den bewährten Schauspielerinnen Anne Dorval und Suzanne Clément zusammen: Dorval spielt – wie schon in Dolans Debüt I killed my mother/J´ai tué ma mère – erneut eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrem berufsjugendlichen Outfit bei der Suche nach Gelegenheitsjobs aneckt und von der Erziehung ihres Sohnes sichtlich überfordert ist. Clément verkörpert diesmal die Nachbarin Kyla, die wegen ihres verschüchterten Stotterns eine Auszeit als Lehrerin nehmen musste, aber bei den Nachhilfestunden für Steve und den anschließenden Plaudereien mit Diane aufblüht. Sie spielte ebenfalls bereits in Dolans Debüt sowie in seinem dritten Film Laurence Anyways mit. Für die Rolle des zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen neigenden Teenagers Steve engagierte Regisseur und Drehbuchautor Xavier Dolan den Nachwuchsschauspieler Antoine Olivier Pilon, mit dem er bereits beim Dreh des Musikvideos College Boy von Indochine über ein Mobbingopfer an der Schule zusammengearbeitet hat und der die schwierige Rolle des schwer Erziehbaren überzeugend spielt.

Mommy
von Xavier Dolan. Kanada, 2014. 134 Minuten. – Kinostart: 13. November 2014

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Über Konrad Kögler

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