3. Spanisches Filmfestival: rasantes, kreatives Kino auf den Spuren Almodóvars

Das Spanische Filmfestival ist einer der Newcomer in der immer vielfältiger, fast schon unübersichtlich werdenden Szene Berliner Filmfestivals. Zum dritten Mal präsentierten Santiago Gómez Rojas und sein Team ihre Auswahl des Kinojahres auf der iberischen Halbinsel dem Berliner Publikum. Nach dem Start 2012 im Moviemento ist das Festival 2013 im geräumigeren Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz angekommen.

Das Highlight des Festivals war Las Brujas de Zugarramurdi von Álex de la Iglesia, dem hierzulande nach Pedro Almodóvar wohl bekanntesten spanischen Regisseur. Dieser Film vereint alle Stärken des aktuellen spanischen Filmschaffens in sich: die Lust an rasanten, anarchischen Plots, die visuelle Kraft phantasievoller bis surrealer Bildwelten und bissigen Witz.
Das ganze Ensemble der Figuren ist sehr gut auf einander abgestimmt, zwei Hauptdarstellerinnen ragen dennoch besonders heraus: die große Carmen Maura (als Hexen-Anführerin Graciana) und Carolina Bang (als ihre Tochter). Las Brujas de Zugarramurdi funktioniert auf zwei Ebenen: Erstens als witzige Horror-Fantasy-Komödie, die sich aus dem breiten Repertoire mythischer Motive bedient und manche durch den Fleischwolf dreht. Zweitens aber auch als gesellschaftskritische Satire über ein Matriarchat, das sich im abgelegenen baskischen Bergdorf Zugarramurdi versammelt, um sich an der spanischen Machogesellschaft zu rächen, und das einer Bande verantwortungsloser Väter, die sich nach mit ihrem geraubten Gold nach Frankreich absetzen will, eine Lektion erteilt.

Ein Problem mit den Männern in ihrem Leben hat auch Ruth (Inma Cuesta), die Hauptfigur in der Gute-Laune-Komödie Tres bodas de más (Drei Hochzeiten zu viel): die Biologin, die in ihrem Labor für ihre Forschung an Langusten belächelt wird, gerät serienweise an die falschen Typen, bis ihr der Praktikant Dani (Martiño Rivas) und die entscheidende Demütigung zu viel die Augen öffnen. Tres bodas de más war ein großer Publikumserfolg in Spanien und in sieben Kategorien für den nationalen Filmpreis Goya nominiert, ging jedoch letztlich leer aus.

Um die Klippen in Beziehungen geht es auch in dem Low-Budget-Kammerspiel Stockholm, das sich ganz auf seine beiden Hauptfiguren konzentriert, die prototypisch nur als Er und Sie bezeichnet werden. Er baggert Sie in einem Club an, Sie lässt Ihn abblitzen, da Sie sich von seiner allzu selbstgefälligen Gewissheit, dass Er jede rumkriegen kann, zunächst abgestoßen fühlt. Am Ende des Verführungsspiels, das in diesem Film etwas zu breiten Raum einnimmt, so dass die Zuschauer Geduld mitbringen müssen, lässt Sie sich doch auf eine gemeinsame Nacht ein. Am nächsten Morgen herrscht zwischen den beiden Protagonisten eine völlig andere Dynamik, die Machtverhältnisse und Interessen haben sich verkehrt. Jetzt entwickelt sich ein sehenswertes, klug komponiertes Psychoduell, für das Javier Pereira mit dem Goya als Bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Er berichtete im Publikumsgespräch, dass er gemeinsam mit Freunden die Idee für diesen Film hatte und dann das schmale Budget für den Film einwarb.

Ein von Pedro Almodóvar gut vertrauter Topos sind lebenskluge, dominante Mütter: eine solche steht auch im Mittelpunkt von Paco Leóns Film Carmina y amén, gespielt von Carmina Barrios, die im wahren Leben die Mutter des Regisseurs ist. Die Filmfigur lebt in bescheidenen Verhältnissen in einem Mietshaus in Sevilla und kommt nach dem plötzlichen Herztod ihres Mannes auf die Idee, ihn noch zwei Tage in der Wohnung zu konservieren, um seinen Gehalts-Bonus einstreichen zu können. Die Handlung dreht sich darum, wie die Mutter trotz aller Schwierigkeiten mit Behörden und Nachbarn die Fäden in der Hand behält, bis der Lungenkrebs der Kettenraucherin mit starkem Husten und blutigem Auswurf schließlich so viele Metastasen gebildet hat, dass ihr nur noch Zeit bleibt, sich einen letzten Wunsch zu erfüllen…

Zum Abschluss des Festivals war in der Experimentalfilm-Sektion Kaleidoskop El Futuro von Luis López Carrasco zu sehen. Mit grobkörnigen Bildern und spärlichen Dialogfetzen zeigt er eine verqualmte Studenten-WG-Party. Die Musik (ironische Protestsongs zur nuklearen Hochrüstung der Supermächte) und ein Statement des frisch gewählten spanischen Premiers Felipe González (PSOE) machen deutlich, in welche Zeit uns dieser Film mitnimmt: in die Ära der Transición von der Franco-Diktatur zur Demokratie, in die Aufbruchstimmung des Jahres 1982.
Der Film, der auch schon auf dem Festival in Locarno, wäre allerdings noch wirkungsvoller gewesen, wenn sich der Regisseur statt der ungewöhnlichen Länge von 67 Minuten für ein kompakteres, dichteres Format entschieden hätte.


Das 3. Spanische Filmfestival Berlin: 1.-9. November 2014 im Kino Babylon

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Über Konrad Kögler

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