Verrücktes Blut: Tasche her, Alter!

Verrücktes Blut am Ballhaus Naunynstraße gehört zum Besten, Frechsten und Interessantesten, was derzeit auf Berliner Bühnen zu sehen ist. Das wurde zwar schon oft in den Feuilletons von FAZ über SPIEGEL bis taz behauptet, stimmt aber trotzdem!

Mal wieder – auch ein knappes Jahr nach der Premiere – war die Aufführung im kleinen Theater in Kreuzberg 36 bis auf den letzten Platz ausverkauft, als die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler, die alle zwischen 20 und 30 Jahre jung sind, häufig einen Migrationshintergrund haben, wie es mit einem Wortungetüm korrekt heißt, und meistens auch im Kiez leben, sich in die Klischeeposen werfen, die einem durch den Kopf schießen, wenn man an Schulklassen in Kreuzberg oder Neukölln denkt.

Die Lehrerin (Sesede Terziyan) stöckelt auf hochhackigen Schuhen und voller Idealismus, den testosterongesteuerten Jugendlichen ihren Säulenheiligen Friedrich Schiller näherzubringen, auf verlorenem Posten über Parkett. Bis ihr in einem Handgemenge zufällig die geladene Pistole aus dem Rucksack eines Schülers vor die Füße fällt.

Sie ergreift die Chance, in ihrer Klasse endlich mal für Ordnung zu sorgen oder sie zu kärchern, wie Sarkozy sagen würde, und zwingt die Jugendlichen mit Schreckschüssen aus der vorgehaltenen Pistole, das Drama "Die Räuber" aus Reclam-Heften nachzuspielen. Es entwickelt sich ein aberwitziger Mix aus Melodram, Krimi, Post-Migrations-Sozialanalyse und Parodie auf Schultheatervorstellungen, die Wolfgang Höbel im SPIEGEL treffend als "Amok-Komödie" charakterisierte.

Identitäten werden diskutiert und ironisch gebrochen, die Volten der Handlung und die pointenreichen Dialoge halten das Publikum in Atem. Es war nicht zu bemerken, dass knapp die Hälfte des jungen Ensembles zum ersten Mal statt der bisherigen Besetzung einsprang.

Ein sehenswertes Stück, für das sich der Weg in den Kotti-Kiez trotz Dauerregen und U-Bahn-Pannen lohnte. Der Regisseur Nurkan Erpulat feierte mit diesem Werk seinen Durchbruch: Vom Off-Theater schaffte er es zum Berliner Theatertreffen der zehn wichtigsten deutschsprachigen Inszenierungen im deutschen Sprachraum. Mittlerweile arbeitet er auch schon an seiner zweiten Produktion für das repräsentative Deutsche Theater Berlin.

Das Stück wurde in nur knapp sechs Wochen als freie Improvisation nach der Grundidee des Films La Journée de la Jupe von Jean-Paul Lilienfeld einstudiert, der auf der Berlinale 2009 mit Isabel Adjani vorgestellt wurde.

Informtationen zu "Das Verrückte Blut"

Das Ballhaus Naunynstrasse

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Über Konrad Kögler

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