DT-Kammerspiele: Susanne Wolff als vergessene „Ismene, Schwester von…“ im dunklen Zwischenreich

Die Niederländerin Lot Vekemans ist darauf spezialisiert, mythologische Figuren aus ihrem Kontext herauszulösen. Sie ist bekannt für dichte, anspielungsreiche Monologe, die sich dezidiert gegen die traditionellen Lesarten der jeweiligen Figuren wenden und sie in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.

Dies war schon beim biblischen Judas der Fall, den Steven Scharf in einer Inszenierung von Johan Simons, als einen Getriebenen darstellt, der endlich davon loskommen will, dass er als Inbegriff eines Verräters gilt. Und dies versucht Vekemans auch bei Ismene, die in der griechischen Mythologie meist nur als Fußnote vorkommt. Der Programmzettel listet als Beleg die vielen kurzen Einträge in den einschlägigen Fachlexika über die Antike auf, die jeweils kurz und knapp auf die berühmtere Antigone verweisen. Daher auch der Titel dieses von Stephan Kimmig erarbeiteten Abends: Ismene, Schwester von. In dem Meisterwerk der griechischen Tragödie von Sophokles fungiert Ismene als eine Art Sidekick oder Stichwortgeberin, die mit ihren brav vorgetragenen Einwänden und ihrem Zaudern dazu beiträgt, dass die Titelfigur Antigone umso heller als eine von ihrer göttlichen Pflicht beseelte Überzeugungstäterin mit glasklaren Prinzipien erstrahlen kann.

Vekemans und Kimmig setzen dieser Überlieferung eine spannende Neu-Interpretation entgegen: Susanne Wolffs Ismene krabbelt nach dreitausend Jahren, die sie in der Schattenwelt des Vergessens im Zwischenreich zwischen Toten und Lebenden eingesperrt war, aus ihrem Sarg auf den Laufsteg, der bisher immer nur Antigone vorbehalten war. In einem an die maoistische Einheitskluft erinnernden Schlabber-Look trägt die Schauspielerin einen fulminanten einstündigen Monolog vor, der nicht ganz so im Schnellfeuer-Modus abgefeuert wird bei Steven Scharfs Judas, aber ebenfalls hohe Konzentration voraussetzt. Eine tiefere, altphilologische Kenntnis der Figuren aus der griechischen Mythologie ist sehr empfehlenswert, um die vielen Namen, die Ismene in dieser wütenden Abrechnung herausschleudert, richtig einordnen und die Anspielungen verstehen zu können. Eine Stück-Einführung durch die Dramaturgen wäre an diesem Abend besonders hilfreich.

Ismene, Schwester von ist eine der stärkeren Inszenierungen, die derzeit am Deutschen Theater Berlin zu erleben sind: dies liegt neben dem hochinteressanten Gedankenexperimernt der Text-Vorlage vor allem an der schauspielerischen Leistung von Susanne Wolff.

Ismene, Schwester von. Regie: Stephan Kimmig. Kammerspiele des Deutschen Theaters. Ca. 60 Minuten. Premiere war am 21. März 2014

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.