Hongkong-Thriller und Vaterlandsverräter

Zu den Höhepunkten im Forum gehören traditionell die Thriller aus Hongkong. Raffinierte Dramaturgien wie in Infernal Affairs und kunstvoll choreografierte Verfolgungsjagden wie in Eye in the sky haben die Messlatte hochgelegt. Dante Lams The Stool Pigeon ist dem nicht gewachsen.

Auch in diesem Film geht es wieder um die Lieblings-Konstellation des Hongkong-Kinos: Ein Polizei-Informant berichtet unter Lebensgefahr aus dem Milieu der organisierten Kriminalität. Leider fehlt diesmal der innovative Dreh, wie man diese brisante Problematik neu aufbereiten könnte. The Stool Pigeon erschöpft sich streckenweise in brutalen Bildern  und das scheint symptomatisch für eine von vielen Fachleuten diagnostizierte Krise des aktuellen Kinos in Hongkong zu sein.

Das krasse Gegenteil zu den schnellen Schnitten aus den Straßen Südostasiens bietet Ingmar Bergmans Klassiker Szenen einer Ehe. Die Retrospektive ehrt den schwedischen Altmeister des europäischen Autorenkinos und zeigt deshalb herausragende Werke wie diese messerscharfe Analyse einer kriselnden Beziehung. Die ausufernden Reflexionen von Liv Ullmann und Erland Josephson trafen 1973 punktgenau den Zeitgeist, sind aber auch fast dreißig Jahre später noch sehens- und nachdenkenswert.

Einen sehr ruhigen Stil pflegt auch Annekatrin Hendel in ihrer Dokumentation Vaterlandsverräter. In der Reihe Perspektive Deutsches Kino versucht sie dem inzwischen 75jährigen Schriftsteller Paul Gratzik näherzukommen. Zu DDR-Zeiten kämpfte er sich aus armen Verhältnissen hoch und verkehrte in den Ost-Berliner Künstlerkreisen um Steffi Spira oder Heiner Müller. Als überzeugter Kommunist berichtete er auch regelmäßig als Inoffizieller Mitarbeiter an seinen Stasi-Führungsoffizier. Bis es 1981 zum Bruch mit dem Regime kam: Er offenbart sich allen Freunden und Kollegen und zieht sich auf einen einsamen Hof in der Uckermark zurück, wo er bis heute lebt.

Die Zuschauer erleben einen schroffen alten Mann, der über Ackermann und die Finanzkrise herzieht und meist sehr unwirsch reagiert, wann immer die Regisseurin, die in Ost-Berlin geboren ist und ihn schon seit 1988 kennt, Näheres über seine Motive erfahren will. Das Thema ist spannend, aber Gratzik bleibt ein Rätsel, da die Annäherung nicht recht gelingt.

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Über Konrad Kögler

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